„Landwirtin sein ist mehr Berufung als Beruf“

Luzia Meister ist seit sechs Jahren mit Leib und Seele Landwirtin in der Schweiz. Zwischen Melkmaschine und Kuhmist erklärt die gelernte Schriftsetzerin, warum sie lieber mit Tieren als mit Menschen zusammenarbeitet und Globuli den Kühen manchmal besser helfen als Antibiotika.
Luzia Meister und Appenzeller-Border Collie-Dame Aila im Kuhstall: Gemeinsam mit ihrem Mann Daniel versorgt die Landwirtin etwa 56 Kühe und 15 Kälber. Bild: Charlotte Krause.

Es ist 05:15 Uhr an einem Dienstagmorgen Mitte Januar. Der Schnee liegt einen halben Meter hoch und die Sonne ist noch nicht aufgegangen über dem Hof Bernrain, auf dem Luzia Meister als Landwirtin arbeitet. Der konventionelle Milchbetrieb liegt in der schweizerischen Grenzstadt Kreuzlingen. Hinter den Silos des Hofs ist bei klarem Wetter der Bodensee zu sehen. Trotz der frühen Uhrzeit macht Meister einen fidelen Eindruck. Sie ist dick eingepackt in Fließjacke und Thermoweste. Unter der Beanie-Mütze sind nur vereinzelt Strähnchen der dunklen Kurzhaarfrisur zu sehen.

Bild: Charlotte Krause

Hof Bernrain liegt in der schweizerischen Grenzstadt Kreuzlingen. Die Futtermischung für Luzia Meisters Tiere enthält den eigens angebauten Futter-Mais, Zuckerrüben-Schnitzel, Gras, Heu, Mineralstoff und Salz.

Der Arbeitstag beginnt im Melkstand. Die Landwirtin schmeißt das Radio an. Zu Elvis Presleys „Suspicious Minds“ werden jeweils acht Kühe der Sorte Holstein und Red Holstein von ihr und ihrem Mitarbeiter Joel hereingelassen und an das Geschirr der Melkmaschinen angeschlossen. „Die Musik beruhigt die Kühe“, erklärt Meister mir. Pro Tag gibt eine Kuh bis zu 40 Liter Milch. Mit flinken Fingern führt sie die Melkbecher zu den Zitzen der Kühe. Gelassen stehen sie da. Manch eine von ihnen ist ein bisschen zu gelassen und verrichtet währenddessen ihre Notdurft. „Wenn du mit Tieren zusammenarbeitest, darfst du nicht zimperlich sein“, lacht Meister.

Ich frage, ob ihr die Arbeit nicht manchmal zu viel werde. Die Kühe müssen schließlich jeden Tag versorgt werden. „Ach, meine Arbeitsstunden zähle ich gar nicht. Landwirtin sein ist mehr Berufung als Beruf. Nur Urlaub müssen mein Mann und ich ziemlich spontan planen, das ist etwas lästig.“ Joel ist der einzige zusätzliche Mitarbeiter auf dem Hof. Er kümmere sich in solchen Zeiten um die Tiere. „Ihm vertrauen wir zu hundert Prozent!“ Bei diesen Worten lächelt Joel, der fachmännisch eine Kuh nach der anderen an die Melkmaschinen anschließt und erwidert: „Die Meisters sind tolle Chefs!“

Bild: Charlotte Krause

Über die Zitzen der Kühe werden Melkbecher gestülpt. Meister und ihr Mitarbeiter befestigen diese manuell an den Eutern. Über Milchschläuche wird die gewonnene Milch in einen Kühltank gepumpt. Jeden zweiten Tag wird die Milch von der Molkerei abgeholt.

Die 49-Jährige erzählt, dass sie besonders die Vielseitigkeit an ihrem Beruf schätze:

„Ich bin nicht nur Landwirtin, sondern auch Tierärztin, Mechanikerin, Gärtnerin und Finanzplanerin.“

Luzia Meister

Eine genaue Buchführung ist wichtig für einen landwirtschaftlichen Betrieb, weil der schweizerische Hof Direktzahlungen vom Bund erhält. Dies ist notwendig, da die Lebensmittelpreise in der Schweiz in den letzten Jahren stark gesunken sind. Pro Liter Milch erhalten Meister und ihr Mann von der Molkerei gerade einmal ca. 60 Rappen. „Ein Glück haben wir ein Direkteinkommen durch unseren Milchautomaten auf dem Hof, bei dem sich Leute aus der Umgebung unsere Milch für 1,10 CHF pro Liter abzapfen können. Außerdem verkaufen wir Eier, Honig, Sirup und Buureschüblig, eine Art Salami, im eigenen Hofladen.“

Bild: Charlotte Krause

„Meine Mädels“ nennt Luzia Meister liebevoll ihre buntgefleckten Kühe. Beim Hof Bernrain handelt es sich um einen konventionellen Milchbetrieb, bei dem das Tierwohl an erster Stelle steht. Im offenen Stall können sich die Tiere frei bewegen. Im Sommer werden sie auf die Weide getrieben.

Der Morgen hält leider noch eine traurige Überraschung bereit. Joel findet im Stall die Totgeburt eines Kalbes. „Das kann leider manchmal passieren“, erklärt mir die Landwirtin. Dies seien die schwierigen Seiten an ihrem Beruf – Tierverlust und Unfälle mit den Tieren. Daher beobachte sie die Kühe immer genau; nur so lassen sich Krankheiten schnell erkennen. „Ich achte außerdem darauf, ob das Tier auf Homöopathie anspricht, oder ob der Tierarzt auf den Platz muss. Bei Lungenentzündungen oder einem ähnlichen Krankheitsbild ist allerdings rasches Handeln mit Antibiotika erforderlich. Die Milch von der erkrankten und medikamentös behandelten Kuh wird separiert und gelangt nicht in den Handel.“ Das Tierwohl stehe an erster Stelle, betont die Landwirtin immer wieder. „Es ist uns wichtig, dass es unseren Kühen gut geht, egal in welcher Form sie behandelt werden.“ Liebevoll klopft sie bei diesen Worten einer ihrer „Mädels“ auf den Rücken.

Seit sechs Jahren ist sie nun schon Landwirtin auf dem Familienbetrieb ihres Mannes. „Eigentlich bin ich gelernte Schriftsetzerin. Ich habe aber auch mit Menschen gearbeitet, die eine psychische Behinderung haben und eine Weile als Kundenberaterin. Herausfordernd war außerdem ein Job, bei dem ich 180 private Raumpflegerinnen anleiten musste. Unter uns gesagt: Tiere zu händeln, ist wesentlich einfacher als Frauen!“ Bei dem Witz seiner Frau lacht ihr Mann Daniel laut auf. Inzwischen sitzen wir unter den gegebenen Abstandsregeln im gemütlichen Wohnzimmer der Familie Meister. Der Stubentiger Rocky Balboa hat sich auf der Couch zusammengerollt, während die Hunde Aila und Tschiggy abwechselnd um die Aufmerksamkeit von Luzia Meister kämpfen und gekrault werden möchten.

Bild: Charlotte Krause

Die Inschrift „Dani & Luzia“ ziert einen herzförmigen Holzverschlag, den die Meisters zu ihrer Hochzeit geschenkt bekommen haben. Um ihren Mann auf dem Hof unterstützen zu können, hat Luzia ihren damaligen Job an den Nagel gehängt und sich bequeme Stallkleidung gekauft.

„Das Kennenlernen mit meinem Mann war etwas ungewöhnlich. Er war Teilnehmer an der Doku-Soap ‚Bauer, ledig, sucht…‘ Eine Bekannte hat die Sendung gesehen und meinte zu mir, dass der doch was für mich sei. Daraufhin habe ich ihn kontaktiert. Die Chemie hat sofort gestimmt, der Rest ist Geschichte.“ Glücklich nickt Daniel bei diesen Worten. Schnell wurde damals klar, dass sie in den Betrieb miteinsteigen würde. „Der Hof plant dein Leben, nicht andersrum. Du musst taff sein und das Tierwohl manchmal über deine eigenen Bedürfnisse stellen.“ Ihr neues Leben habe sie aber nie bereut:

„Ich habe genug von der Welt gesehen, bin viel herumgereist. Es war Zeit für mich, anzukommen. Und heutzutage weiß ich, wofür ich morgens aufstehe. Das ist mir lieber als jeder Nine-to-five-Bürojob.“

Luzia Meister

Wenn Ihr nun selbst Lust bekommen habt, die lokale Landwirtschaft am Bodensee zu unterstützen, dann stattet doch dem Hof Bernrain und seinem Hofladen mit Milchautomaten einen kleinen Besuch ab!

Adresse: Hof Bernrain, Bernrainstr. 50, 8280 Kreuzlingen (CH). Bild: Charlotte Krause.

Weitere Infos erhaltet ihr auf der Facebook-Seite des Hofs unter @Hof Bernrain oder unter www.hof-bernrain.ch

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