Sean Paul, Ikkimel, Zartmann und andere Auftritte haben am vergangenen Wochenende rund 25.000 Gäste ans Hörnle gelockt. Events wie das Campus-Festival treiben in Konstanz aber nicht nur die Besucher:innenzahlen, sondern auch den Müll im öffentlichen Raum in die Höhe. Denn neben Pfandflaschen bleiben zwischen Herosé und Festivalgelände auch Pappbecher, Tüten oder Pizzakartons vom Wegproviant liegen. Die Konstanzer:innen, die auf dem Weg zum Festival einen Halt für den Döner oder die Pizza auf der Hand einlegen, dürften über die 50 Cent extra auf dem Kassendisplay kaum noch erstaunt sein. Wer nur zu Besuch ist, könnte eine Erklärung benötigen: Seit Januar 2025 wird in Konstanz eine Steuer auf Einwegverpackungen für Speisen und Getränke zum Sofortverzehr erhoben. Höchste Zeit also für eine Zwischenbilanz.
„Ziel ist es, A) den Verpackungsmüll aus dem öffentlichen Raum verschwinden zu lassen, B) das Müllaufkommen im öffentlichen Raum insgesamt zu reduzieren und C) unnötige Verpackungen auf ein Mindestmaß zu beschränken“, erklärt Helge Koprath, Leiter der Abteilung für Steuern der Stadt Konstanz. „Das funktioniert leider nur, wenn es an den Geldbeutel geht. Wir Deutschen sind nun mal so.“ 50 Cent für Einwegbecher, -boxen, -tüten für warme und kalte Getränke und Speisen, 20 Cent für Hilfsmittel und Besteck: Das ist das Grundgerüst der Steuer. Davon ausgenommen sind Servietten, der klassische Eis-Spatel und Pommes-Pieker, Holzspieße und einige andere Kleinigkeiten. Auch die Brötchen-Tüte gibt es gratis, da hier, ebenso wie bei Speiseresten im Restaurant, angenommen werden kann, dass der oder die Konsument:in das Produkt mit nach Hause nimmt. Anders sieht das beim Leberkäsweckle aus, denn „das Produkt ändert relativ zeitnah seine Konsistenz“ und sei daher zum Direktverzehr gedacht, wie die Website der Stadt Konstanz verrät.
Als Vorbild in der Sache diente für den Konstanzer Gemeinderat 2023 die Stadt Tübingen, die die Steuer bereits 2022 eingeführt hatte. Laut Koprath hätten der Stadt in der Nähe Stuttgarts durch die Corona-Pandemie allerdings die Vergleichszahlen gefehlt, um die Wirkung der Steuer messen zu können. „Wir können das ganz gut belegen“, sagt Koprath. Ein Dreivierteljahr nach der Einführung konnte die Stadtverwaltung in Kooperation mit der Universität Konstanz zeigen, dass der Müll im öffentlichen Raum zum ersten Mal seit Jahren zurückgegangen ist, insgesamt um 4,7 Prozent, in einigen Stadtteilen sogar um rund 14 Prozent. Dafür wurde er gesondert gewogen und Faktoren wie die Witterung und Veranstaltungen in die Evaluation mit einbezogen. Auf der anderen Seite hat das Mehrwegangebot zugenommen: Der in Konstanz weit verbreitete Anbieter Recup hat während der Einführung der Steuer ein Wachstum von 40 Prozent in Konstanz verzeichnet, mittlerweile sei das Angebot laut Koprath insgesamt um etwa 60 Prozent gestiegen.
So positiv sieht Ines Kleiner die Entwicklung für die Gastronomen nicht. Sie ist Geschäftsführerin der Geschäftsstelle Konstanz des Interessenverbands der Gastronomie- und Hotelbranche Baden-Württembergs, kurz DEHOGA.. „Die laufende Teuerung drückt auf den Umsatz, die Kunden halten sich beim Kaufen zurück“, bekomme sie von Gastronomen in Konstanz zurückgemeldet. Die Verpackungssteuer verschärfe die Situation zusätzlich, insbesondere für Fastfood-Ketten. Aber auch andere bekämen die Folgen der Steuer zu spüren: Schließlich habe nicht jeder, der spontan ein Eis essen möchte, auch eine eigene Dose dafür parat. Laut Koprath könne die Stadt dazu allerdings noch keine Zahlen erheben. Das sei erst 2027 möglich, wenn die Gewerbesteuerzahlen vorliegen.
Die Konsumzurückhaltung der Gäste ist nicht die einzige Sorge der Gastronomen, weiß Kleiner: „Die Erhebung der Verpackungssteuer ist systemseitig schwierig zu integrieren. Dafür mussten die Gastronomen ordentlich Geld in die Hand nehmen. Auch unsere Befürchtungen in Bezug auf die Bürokratie haben sich bestätigt.“ Außerdem käme es immer wieder zu Unverständnis der Gäste: „Die Mehrweglösung ist sehr sinnvoll, um Müll zu reduzieren. Sie bringt aber nicht so viel, wenn sie von den Kunden nicht angenommen wird.“ Das sei laut Kleiner häufig der Fall. Sie wünscht sich mehr Aufklärung über die Steuer seitens der Stadt, denn „es gibt Punkte, die versteht niemand.“ Lässt man sich seine Pizza etwa liefern, statt sie im Geschäft mitzunehmen, fällt keine Steuer an. Auf diesen „Trick“ kämen viele Konstanzer:innen zurück – das verursacht auch auf kurzen Lieferstrecken, die Kunden vorher selbst auf sich genommen haben, zusätzliche Arbeit für die Betriebe.
Trotzdem findet die Steuer Anklang in anderen Städten: Dass andere Städte anrufen, um sich über die Maßnahme zu informieren, komme regelmäßig vor, erzählt Koprath: „Am Ende ist es eine politische Entscheidung.“ Freiburg wird 2026 nachziehen. Bayern hat einen entgegengesetzten Kurs eingeschlagen: Der Freistaat hat die Einführung gleich landesweit verboten. Das findet Koprath nicht richtig, jede Gemeinde sollte selbst über die Notwendigkeit entscheiden. „Ich war auch mal Gegner der Verpackungssteuer“, gibt er zu, „ich bin aber Befürworter geworden, weil ich gesehen habe: Es funktioniert. Wenn man überlegt, wie viel Tonnen Einwegverpackungsmüll wir in Deutschland verursachen, wird es einem schlecht. Da muss man umdenken.“ In Konstanz liegt der insgesamt gesammelte Abfall 2025 trotz der Trendwende noch bei 391 Kilogramm pro Person, das sind etwa 782 Döner, wenn man vom Durchschnittsgewicht von 500 Gramm ausgeht. Bei denen wird die Verpackungssteuer übrigens fällig, wenn sie für den Transport in Alufolie oder Papier kommen, nicht aber, wenn es nur eine Serviette dazu gibt. Die dient nämlich vorwiegend der Hygiene.
Mit oder ohne Steuer: Für eine saubere Umwelt tragen die Konsument:innen stets Mitverantwortung – auch an Hotspots wie dem Herosé oder dem Festgelände Klein-Venedig im Sommer. Der schöne Tag am See ist eben doch nicht so schön, wenn Zigarettenstummel, Pommes-Piekser und Einwegverpackungen (egal ob in ursprünglicher oder veränderter Konsistenz) liegen bleiben oder Mülleimer vor Pizzakartons überquellen.
