Um den Begriff „Erasmus“ kommt man im Studium kaum drumherum. Das EU-Förderprogramm ist aber nur eines von vielen, zu denen Verena Ladegast und Christina Fritz Studierende an der Universität Konstanz beraten, die ins Ausland gehen möchten. Denn viele wissen nicht, wie divers die Möglichkeiten sind, um im Studium über die Bodenseeregion hinauszublicken – und welche finanziellen Unterstützungen es dafür gibt. Christina Fritz spezialisiert sich auf Fördermöglichkeiten für die Regionen Asien, Lateinamerika, Australien und Neuseeland: Wer weit weg will, kommt zu ihr. Verena Ladegast kann Tipps zu Auslandspraktika geben, denn auch diese werden über Erasmus+ gefördert. Die beiden wissen: Was sich zunächst nach einer finanziellen Belastungsprobe anhört, ist oft weniger eine Frage des Geldes als der richtigen Information. Im Interview geben sie einen Überblick über die verschiedenen Möglichkeiten.
Campuls: Mal im Ausland studiert oder gearbeitet zu haben ist für viele Arbeitgeber gar kein Alleinstellungsmerkmal mehr, sondern eher eine Voraussetzung für eine erfolgreiche Bewerbung. Wie viele Studierende an der Universität gehen denn jedes Jahr ins Ausland?
Fritz: Im Jahr 2025 haben 38 Prozent der Exmatrikulierten angegeben, einen studienrelevanten Auslandsaufenthalt absolviert zu haben. Das kann etwa ein Studienaufenthalt oder ein Praktikum sein. 2022 waren es sogar 46 Prozent.
Campuls: Ist das bei einigen Studiengängen öfter der Fall als bei anderen?
Fritz: Ja. Für einige Studierende sind Auslandsaufenthalte verpflichtend. Die Naturwissenschaften haben eine dichtere Studienplanung, da gehen Studierende vor allem im Zuge ihrer Abschlussarbeit ins Ausland.
Ladegast: Oder in Form eines Praktikums. Das ist häufig flexibler. Hier sind die Studiengänge insgesamt gut verteilt.
Campuls: Eine etwas undankbare Frage, aber sie liegt jeder und jedem Studierenden auf der Zunge, der oder die aus Deutschland raus möchte: Was kostet ein Semester im Ausland?
Fritz: Das kann man gar nicht beantworten, weil es total davon abhängt, wo man hingeht. Selbst innerhalb von Europa oder innerhalb von einem Land kann sich das stark unterscheiden. Paris ist viel teurer als Bordeaux. In Taiwan kann es sogar günstiger sein als in Konstanz. Wenn ich in die USA gehe, gibt es teilweise Campus Fees – also zusätzliche Gebühren zu den eigentlichen Studiengebühren – ich muss den Flug bezahlen, und Visumkosten. Für den globalen Bereich gibt es aber Kostenaufstellungen, die die Kosten transparent machen. Innerhalb von Europa gibt es im Erasmus-Programm verschiedene Länderkategorien, in denen der Zuschuss auf die Lebenshaltungskosten angepasst ist.
Campuls: Wenn wir bei den Erasmus-Pauschalen bleiben: Ist hier das Ziel, Studierende etwas zu unterstützen, oder tatsächlich für Mehrkosten im Ausland zu kompensieren, damit Studierende „bei null“ herauskommen können?
Ladegast: Der Anspruch des Erasmus-Stipendiums ist es, die auslandsbedingten Mehrkosten zu decken. Ich denke, dass das in vielen Fällen auch so passiert. Die Pauschale soll Luft geben, im Land auch reisen zu können und kulturelle Erfahrungen zu sammeln. Zusätzlich gibt es Top-Ups, beispielsweise für Studierende mit einer chronischen Erkrankung oder für Erstakademiker:innen. Hohe Gehälter im Praktikum können auf die Pauschale allerdings angerechnet werden.
Campuls: Wie bürokratisch ist Erasmus – bleibt den Studierenden am Ende die Zeit im Ausland, oder doch der Papierkram im Kopf?
Ladegast: Ich würde sagen, die Zeit im Ausland. Die Erasmus-Bewerbung funktioniert digital und stark vereinfacht – für Praktika sogar noch mal mehr als für Studienaufenthalte. Hier kann man sich bis zu zwei Wochen vor Praktikumsbeginn bewerben. Für Studienaufenthalte ist die Deadline der erste Februar.
Fritz: Auf jeden Fall. Sie müssen bedenken: Sie bekommen etwa in den Niederlanden 600€ im Monat als pauschalen Länderzuschuss. Dafür müssten Sie hier schon recht lange kellnern. Man muss natürlich Dokumente einreichen: ein Learning Agreement, ein Grant Agreement, eine Confirmation of Stay und einen Erfahrungsbericht. Das finde ich für so ein gutes Stipendium übersichtlich.
Campuls: Und die Bewerbung ist eher niederschwellig.
Ladegast: Das ist die Idee. Erasmus gibt jedem die Möglichkeit, ins Ausland zu gehen. Nur für Erasmus+ Praktika weltweit sind die Fördermittel ab einem gewissen Zeitpunkt ausgeschöpft. An der Universität Konstanz haben wir aber auch diese bisher immer noch gefördert bekommen.
Campuls: Und über Erasmus hinaus?
Fritz: Mit dem Studienplatz im globalen Bereich bekommen die Studierenden an der Universität Konstanz zunächst einen Studiengebührenerlass. Wer sich schon mal angeschaut hat, was ein Studium in den USA oder in Australien kostet, weiß, dass das schnell fünfstellig ist. Große Stipendiengeber sind dazu der Deutsche Akademische Austauschdienst, kurz DAAD, wenn man für ein Jahr ins Ausland geht, das PROMOS-Stipendium für ein Semester und die Baden-Württemberg-Stiftung, die beides unterstützt. Länderspezifisch gibt es die Erasmus International Credit Mobility, und für die USA außerdem Fulbright, den Rolls Royce unter den Stipendien.
Campuls: Wem würden Sie welches Stipendium empfehlen?
Fritz: Allen Studierenden, die erfolgreich einen Studienplatz im globalen Ausland erhalten haben, würde ich raten, sich auf PROMOS und die Baden-Württemberg-Stiftung zu bewerben. Fast die Hälfte der Studierenden können so mit einem Stipendium versorgt werden. PROMOS bietet eine länderabhängige Reisekostenpauschale, während die Baden-Württemberg-Stiftung ein monatliches Stipendium von 800 Euro zahlt. Fulbright hat ein Reisekostenstipendium, übernimmt aber auch Visumgebühren und organisiert ein Vorbereitungstreffen. Der DAAD kann Reise-, Aufenthalts- und Studiengebühren übernehmen. Und da hört es nicht auf: Es gibt etwa auch eigene Stipendien für Lehrämtler:innen.
Ladegast: Der DAAD hat eine Datenbank, in der man nach verschiedensten Stipendien stöbern kann.
Campuls: Was sind versteckte Kosten, die Studierende im Auslandsaufenthalt oft überraschen?
Ladegast: Seit dem Brexit waren das in den vergangenen Jahren oftmals Visumskosten für Praktika in Großbritannien. Da musste ich viele Erwartungen ausbremsen. Ab 2027 soll Großbritannien aber wieder Teil von Erasmus werden.
Fritz: Im globalen Bereich verlangen viele Universitäten offizielle Sprachtests wie TOEFL und IELTS. Die sind nicht günstig und man muss sie machen, ohne zu wissen, ob man überhaupt einen Platz bekommt. In einigen Ländern braucht man bis zu drei Krankenversicherungen, das ist auch ein wichtiger Kostenpunkt. Darüber informieren wir hier.
Campuls: Warum würden Sie Studierenden trotz des Aufwands für ein Stipendium ein Auslandssemester, ein Praktikum oder einen Forschungsaufenthalt im Ausland empfehlen?
Fritz: So viel Unterstützung, auch finanziell, bekommen Sie nie wieder. Es wird wahrscheinlich nie wieder so einfach für Sie sein, ins Ausland zu gehen.
Ladegast: Das Studium ist die beste Zeit dafür, mal etwas anderes zu sehen. In dieser Lebensphase können Sie davon am meisten mitnehmen. Wir versuchen auch Leute zu motivieren, die noch eine Hemmschwelle haben. Sehen Sie nicht zu sehr die Schwierigkeiten oder den Aufwand, sondern vor allem die Chance.
Das International Office der Universität Konstanz berät Studierende: https://www.uni-konstanz.de/international-office/wege-ins-ausland/
Wer sich auf eigene Faust informieren möchte, kann in der Stipendiendatenbank des DAAD stöbern: https://www2.daad.de/ausland/studieren/stipendium/de/70-stipendien-finden-und-bewerben/
