Zwischen Sommer, Glitzer und kultureller Politik
„Ich schrei: ‚Fick die AfD‘, ich frag mich wirklich, wer die wählt“. Eine Zeile, die unüberhörbar am Festivalwochenende über das Gelände hallte. Das Lied „meinen die uns“ von Zartmann, Kasi, Aaron und Antonius entwickelte sich zum heimlichen Soundtrack des Festivals, indem es ingesamt viermal auf der Haupt- und Atlantisbühne vor den rund 25000 Besucher:innen gesungen wurde. Denn auch dieses Jahr bewies das Campus Festival im Bodenseestadion am 29 und 30 Mai einmal mehr, wieso es zu einem der größten Highlights des Jahres in dem Bodensee-Raum zählt.
Das Publikum vor den Bühnen fällt dabei jung aus und besteht aus einer homogenen Menschengruppe, größtenteils Student:innen und Schüler:innen. Das Campus Festival gilt also, nicht zuletzt wegen des Line-Ups, als beliebtes Festival für die Generation Z (Jahrgang 1995-2010). Neben sommerlichen Outfits, Trinkspielen und guter Laune gibt es aber auch eine Ernsthaftigkeit, die mitschwingt. Viele Gen-Z-Künstler:innen sprechen auf der Bühne über ernste Themen wie Feminismus, Diskriminierung, soziale Ungleichheit und mentale Gesundheit.
Diese Verschmelzung von Popkultur und politischer Haltung ist eine Form kultureller Politik, die allerdings kein neues Phänomen ist. Musik gilt schon immer als Spiegel der Gesellschaft. Ob der frühe Hip-Hop in den US-amerikanischen „Ghettos“ oder der rebellische Rock’n’Roll der 1960er- Jahre, Musik fungiert schon lange als Sprachrohr unterdrückter Gruppen. Das Campus Festival 2026 hat gezeigt, dass dieses Phänomen fortgeführt wird. Es dient als Sprachrohr für die jungen Leute, die sich im einzelnen hilflos fühlen. In einer von globalen Krisen geprägten Zeit mit anhaltenden Kriegen, dem Rechtsdruck und diversen Zukunftsängsten gestaltet sich der Zusammenhalt auf dem Festival tanzend und unausweichlich politisch.
„Ganz Konstanz hasst die AfD!“
Musikalisch wurde das Programm von Deutschrap, Indie-Pop und alternativen Künstler:innen geprägt. Diese Genres sind wie dafür geschaffen, die Gefühlswelt der Generation Z zu repräsentieren. Die Liedtexte der auftretenden Künstler:innen sprechen Themen an, die viele junge Menschen im Alltag begeleiten. Sie schwanken zwischen Unsicherheit aufgrund von Zukunftsängsten und gesellschaftlichen Erwartungen. Die auftretenden Künstler:innen, die größtenteils selbst den Geburtsjahrgängen 1995-2010 angehören, versuchen dieses ambivalente Lebensgefühl in ihren Texten zu verarbeiten.
Künstler:innen wie die Indie-Pop Band Blond oder die Rapperin Ikkimel, die für ihre feministischen Positionen bekannt sind, prägten unter anderem das Bild. Durch die klaren Texte und Bühnenansagen der Künstler:innen, die sich für mehr Zusammenhalt, Offenheit und Akzeptanz aussprachen, wandelte sich das Festivalgelände von einer musikalischen Veranstaltung zu einem Ort gesellschaftlicher Aushandlung.
Diese Dynamik ging jedoch nicht bloß von der Bühne aus. Mit lautstarken Sprechchören wie „Ganz Konstanz hasst die AfD“ ergriff das Publikum zwischen den einzelnen Auftritten selbst Initiative und machte seine politische Einstellung unüberhörbar deutlich.
„Mama Ikki“
Main-Act und für viele absoluter Höhepunkt des zweiten Festival Tages war der Auftritt der Pop-Ikone Ikkimel. Diese wird von ihrer Fangemeinde auch als „Mutter“ verehrt. Um einen begehrten Platz in der vordersten Reihe zu bekommen, nahmen viele Besucher:innen eine mehrstündige Wartezeit in Kauf. Als der Einlass freigegeben wurde, war der kollektive Drang nach vorne kaum zu bremsen. Trotz der ausdrücklichen Bitte von Projektleiterin Sophie Beck, aus Sicherheitsgründen nicht zu rennen, stürmte die Menge los. Das Ziel jede:r einzelnen: möglichst nah an „Mutter Ikkimel“ zu sein.
Diese enttäuschte die Erwartungen ihrer Fans nicht. Mit ihren explizit feministischen Texten und provokanten Aussagen wie „Sperrt die Männer weg“ brachte sie nicht nur die Frauen zum Mitsingen, sondern das gesamte Publikum vor der Hauptbühne zum Tanzen. Die Moshpits zu Liedern wie „Keta und Krawall“ fielen dabei genau so wild und lebhaft aus, wie die ihres männlichen Rapper-Kollegen Souly, der einen Tag zuvor auf derselben Bühne auftrat. Spätestens, als eine Zuschauerin für eine Performance-Einlage auf die Bühne geholt wurde und dort mithilfe von Ikkimel als Hebamme „eine kleine Fotze“ gebar, ist klar geworden, dass Gen Z das Festival übernommen hat.
Politische Botschaften werden nicht nur in Liedtexte verpackt, sondern auch während den Auftritten dem Publikum ans Herz gelegt. Künstler:innen wie Ikkimel, Zartmann oder Makko nutzen die Reichweite ihrer Mikrofone bewusst, um ihren Fans mit kleinen Ansprachen Hoffnung und Mut mit auf den Weg zu geben. Während Ikkimel für die Sicherheit der „Girls und Gays“ im Publikum appellierte, rief Zartmann dazu auf, Vorurteile abzulegen. Er formulierte den Wunsch nach einer Welt, in der jede:r Anwesende das Recht hat, so zu sein und zu leben, wie er oder sie möchte. Unabhängig von Herkunft, Aussehen oder Identität.
Der kleine Hoffnungsschimmer
Auch der Berliner Musiker
Makko, der seine vielgehörten Hits wie unter anderem „nachts wach“ und „Pueblo“ sang, wandt sich mit einem emotionalen Aufruf an sein Publikum:
„Wir sind viel stärker als wir glauben, vor allem gemeinsam. Ich steh für Liebe über Hass, Mut über Furcht, einer für alle, alle für einen. Ich bin gegen rechts, gegen Diskriminierung, gegen Ausgrenzung, gegen Fremdenfeindlichkeit. Lasst uns mehr auf unsere Gemeinsamkeiten fokussieren anstatt auf unsere Unterschiede. Meine Fantasie stirbt zuerst und meine Hoffnung zuletzt. Freiheit für alle Unterdrückten.“
Die Reaktion folgte unverzüglich. Tausende Fans formten solidarisch Herzen mit ihren Händen und streckten sie der Bühne entgegen.
In einer Gegenwart, in der die politische Lage auch auf die jüngere Generation unsicher und angsteinflößend wirkt, macht sich oft das Gefühl einer Ohnmacht breit. In der Soziologie „Doomerism“ genannt, bezeichnet es das Gefühl, gegen die großen Probleme der Welt ohnehin nichts ausrichten zu können. Ein Festival wie dieses bietet aufgrund seines Zusammenhalts und seiner Größe einen Gegenentwurf der Isolation und Hilflosigkeit. Als hilfreich gestaltet sich das Fördern eines Gemeinschaftsgefühls durch verbale Hoffnungsschimmer der eigenen Idole. Sie wirken wie ein Katalysator für ein kollektives Selbstbewusstsein und brechen die Isolation des „Doomerism“ auf. Kollektive Zukunftsängste werden in gemeinsamen Mut verwandelt.
Makkos Ansage scheint für viele nachhaltig in den Köpfen hängen geblieben zu sein, denn als Aufnahme kursiert sie auf Social Media unter dem Titel „Gänsehaut-Moment“. Solch eine politische Botschaft wird von den vielen Besucher:innen nicht als „Stimmungs-Crasher“ wahrgenommen, sondern als verbindendes Element. Das „Wir-Gefühl“ schafft eine temporäre Utopie, in welcher für zwei Tage in kleinerem Kreis gezeigt werden kann, wie eine respektvolle Gemeinschaft repräsentativ im Bodenseestadion aussehen kann.
„Sag, meinen die uns?“
Solche persönlichen Botschaften auf der Bühne und gesellschaftskritische Liedtexten wirken wie ein Hoffnungsschimmer für die Fans. Die Idole holen junge Menschen bei ihren Sorgen und Identitätsfragen ab und zeigen, dass sie damit nicht allein sind. Am Ende bleibt vom Campus Festival neben der Erinnerung an ein lautes und lebhaftes Festival-Wochenende das Bild einer Generation, die eine solche Veranstaltung nutzt, um ihre Meinung lautstark mitzuteilen.
