Der Sommer 2025 ist drückend. So, wie fast jeder Sommer mittlerweile, aber dieser bringt frischen Wind mit sich. Zumindest für mich. Ende August stehe ich in meinem leergeräumten WG-Zimmer und überprüfe zum zehnten Mal, ob ich auch wirklich alles in meine Koffer gepackt habe, was ich brauche (oder brauchen könnte). Ein bisschen melancholisch blicke ich auf den Stapel an Umzugskartons. Mein Blick gleitet vom Turm aus OBI-Kisten zu meinen zwei Koffern: Einer ist groß, pink und hat einen rosafarbenen Oldtimer auf der Vorderseite, der andere ist klein, schwarz und unscheinbar. Ein komisches Gefühl macht sich in mir breit bei dem Gedanken, dass ein Großteil meines Lebens in zwei Koffern verstaut ist. Nun gut. Kisten eingelagert, Zimmer geputzt, Schlüssel übergeben und ich stehe am Gleis und warte auf den RE2 nach Karlsruhe. Eigentlich habe ich, wegen der Dauerverspätungen, einen Hass auf diese Linie, aber an diesem Tag bin ich fast schon traurig, bald nicht mehr meine geliebte-gehasste Zugstrecke zu fahren. Auf dem Weg zum Flughafen werde ich unruhig: Ich habe Angst vor den nächsten Monaten, die im Rahmen meines Erasmus auf mich zukommen. Allein in einem neuen Land, in einer neuen Stadt. Gleichzeitig freue ich mich aber auch, denn wie sich herausstellen würde, ist Prag ist vielleicht nicht ganz so anders als mein Konstanz.
Beim Landeanflug auf Prag wird mir schlecht. Vielleicht aus Nervosität, möglicherweise hätte der fünfte Kaffee vorm Abflug auch nicht sein müssen… Auf dem Weg vom Flughafen in die Innenstadt legt sich meine Übelkeit langsam wieder. Ich bestaune die vielen historischen Häusern und die Moldau, an denen der Bus entlangfährt. Fast verpasse ich meine Haltestelle. Angekommen. Sogar die ausgiebige (Reddit) Recherche, die ich vor meiner Ankunft über das Wohnheim gemacht habe, hätte mich nicht darauf vorbereiten können, was ich hier sehe. Das Wohnheim, in dem ich wohne, ist grottenhässlich. Ein Mix aus Sowjet-Plattenbau und JVA. Wenigstens ist es direkt neben der Uni und der Weg ins Zentrum ist nicht allzu weit. Von meinem neuen Zuhause bis zum Ufer der Moldau sind es zu Fuß circa fünf Minuten. Ich verbringe meine Zeit gerne hier: Stricken, lesen, oder auch einfach nur spazieren gehen. Irgendwie erinnert mich der Fluss an Daheim, an Konstanz. Aber das ist bei Weitem nicht alles, was mich an meine Wahlheimat denken lässt…
Zwischen Jan Hus und Jahrhunderten
Mein Weg führt mich oft durch die kopfsteingepflasterten Gassen der Prager Altstadt, fast wie in Konstanz und ich lade dich ein, mit mir weiterzugehen. Die Luft ist erfüllt vom Duft frisch gebratenen Trdelníks (Baumstriezel) und die Straßen voll mit Touristengruppen aus der ganzen Welt. Mit meinen Freund:innen schleppen wir uns den Weg zur Burg hoch – diesem gewaltigen Komplex aus rotbraunen Dächern und Türmchen, der sich anmutig über die Stadt erhebt. Unter Kaiser Karl IV. im 14. Jahrhundert erbaut, war sie die Residenz des Kaisers und das Herz des Heiligen Römischen Reiches. Von hier aus blickte Karl auf ein goldenes Zeitalter, das Prag zur Kronjuwelenstadt machte. Es erinnert mich an das gotische Münster in Konstanz, das ich aus meiner Wahlheimat kenne, mit seinen schlanken Türmen und Buntglasfenstern und dem Schauplatz des Konzils von 1414 bis 1418.
Mit der Tram kommt man schnell zur Karlsbrücke, deren Statuen von Heiligen wie Wächter über dem Fluss stehen (Einschließlich der Massen an Menschen, die sich das obligatorische Foto mit der Statue vom Depeche Mode Albumcover nicht entgehen lassen wollen). Ich ziehe Parallelen zwischen den beiden Städten, eine von ihnen ist Jan Hus. Aus Prag kam er 1414 nach Konstanz, um vor dem Konzil zu predigen – ein mutiger Theologe, der gegen Kirchenmissstände wetterte. Die mächtigen romanischen und gotischen Gebäude um mich, wie die Teynkirche mit ihrem zweitürmigen Portal, atmen seinen Geist: Hier predigte er, bevor seine Reise endete. Seine Verurteilung in Konstanz als Ketzer und sein Tod auf dem Scheiterhaufen lösten die Hussitenrevolution in Böhmen aus, ein Aufruhr für Glaubenstoleranz inmitten von Konflikten.
In Konstanz fühlte sich der Bodensee als friedlich war, doch hier in Prag, umgeben von diesen steinernen Zeugen des Mittelalters – durch die Häuser und Statuen – fühlt sich die Geschichte fast greifbar an. Während meines Erasmus-Semesters spaziere ich täglich hierher, atme die gleiche Luft wie Karl IV. oder Hus (vielleicht heute mit extra Noten von Strawberry Ice Vape und Abgasen).
Die beiden Städte in meinem Kopf: Beide erhielten früh ihre Stadtrechte – Prag um 1230 unter König Wenzel I. durch Flusshandel, Konstanz schon im 7. Jahrhundert als Bischofssitz am See. Es ist, als ob die Mauern flüstern.
Handel und Habsburger
Ich stehe auf dem Hradschin, dem Hügel der Prager Burg, wo der Wind durch die barrocken Gärten weht und der Blick über die golden schimmernde Moldau fällt – hier, unter der Habsburger Herrschaft ab 1526 in Böhmen, wurde Prag zu einem kulturellen Juwel. Ich lehne mich gegen die Balustrade und zeige dir das Rudolfinum, den prächtigen Renaissance-Palast, wo Kaiser Rudolf II. im späten 16. Jahrhundert residierte: Ein exzentrischer Herrscher, der Alchemisten, Künstler und Wissenschaftler aus aller Welt anzog, die die Stadt mit Okkultem und Kunst füllten. Ähnlich blühte Konstanz unter längerer Habsburger Prägung im Süden auf.
Ich schlendere hinunter in die Altstadt, vorbei an den hohen Häusern mit Erkern, deren Grundsteine noch aus dem 13. Jahrhundert stammen, als norddeutsche Händler hier siedelten. Außerdem ist Tschechien für seine deftige Küche bekannt: Knödel, Gulasch, Haxe und vieles mehr. In manchen Ecken der Stadt riecht es nach gebratenen Marillenknödeln. Diese deutsche Präsenz macht sich in den Straßen bemerkbar: S mischte sich mit böhmischem Leben, genau wie in Konstanz, meinem Ausgangspunkt: Dort war die Stadt ein deutschsprachiges Zentrum am Bodensee, das mit Böhmer:innen Handel trieb, Karawanen (Züge) aus Prag empfing und durch diese Kontakte florierte.
Während ich nun am Ende meines Erasmus-Semesters in Prag sitze, umgeben von neuen Freund:innen aus aller Welt – den Niederlanden, USA, Irland, Bulgarien –, die mit mir das Semester verbracht haben, spüre ich die Brücken zwischen Prag und Konstanz umso mehr. Prag mit seiner wilden, revolutionären Seele, Konstanz mit der ruhigen Bodensee-Stille.*
*Eine meiner wichtigsten Erkenntnisse: Tschechisches Bier ist besser als Deutsches.
