Was Corona für die Psychische Gesundheit bedeutet

Ein Text über die eigenen Erfahrungen, die Psychotherapeutische Beratungsstelle von Seezeit als Anlaufstelle und ein Gespräch mit dessen Leiter Reinhard Mack.

Und wieder hänge ich in Jogginghose um 15 Uhr auf meiner Couch rum und esse Kekse, nachdem ich heute um 11 Uhr aus meinem Bett gekrochen bin und seitdem eigentlich nichts anderes gemacht habe, als abwechselnd auf das Display meines Handys und auf den Bildschirm meines Laptops zu starren. Ich fühle mich elend und bin regelrecht wütend auf mich selbst: Wieso kann ich die Corona-Zeit nicht produktiver nutzen? Meine Uni-Sachen auf die Reihe kriegen? Ein Start-Up gründen?

Die Pandemie zwingt uns dazu, zuhause zu bleiben, soziale Kontakte zu meiden und uns selbst zu strukturieren. Manche bekommen das besser auf die Reihe als andere. Im Netz kursieren daher diverse Artikel über Tipps, wie man dem „Corona-Blues“ entgegenwirken kann:

  • Den Alltag positiv gestalten: jeden Tag eine Sache einbauen, die man gerne macht und auf die man sich freut.
  • Verlässliche Informationen nutzen: auf gut recherchierten Journalismus zurückgreifen und sich von „Fake News“ nicht verrückt machen lassen.
  • Höchstens einmal am Tag informieren: Exzessiver Medienkonsum verstärkt die Sorgen nur noch!
  • Bewegung und frische Luft: Einmal am Tag sollte man das Zuhause verlassen und eine kurze Runde draußen drehen, um etwas Abstand zu bekommen und neue Energie zu tanken.
  • Das Gute sehen: Auch in einer Krisensituation gibt es schöne Erlebnisse und Glücklich-Macher: Sei es warmer Sonnenschein oder die lustige Skype-Konferenz mit Freund_innen. Außerdem ermöglicht uns die Pandemie einen Perspektivwechsel: Wir wissen Dinge, die wir für selbstverständlich gehalten haben, wieder mehr zu schätzen.

Die meisten dieser Tipps sind nichts mehr Neues. Ein Ratschlag, der in allen Artikeln auftaucht, ist aber: Wem es wirklich schlecht geht, sollte man sich professionelle Hilfe suchen. Besonders in dieser eingeschränkten und angsteinflößenden Zeit sind Anlaufstellen wie Psychotherapeutische Beratungstelle (kurz: PBS) von Seezeit Studierendenwerk Bodensee eine gute Chance, sich dem Alltag und den Sorgen zu stellen und damit fertigzuwerden. Nach Wochen der Online- und Telefonberatung ist die PBS an der Uni Konstanz und HTWG nun auch wieder für persönliche Gespräche geöffnet. Informationen zu Anmeldung und Ablauf eines psychotherapeutischen Beratungsgesprächs findet ihr online:

Natürlich kann auch weiterhin das Angebot einer Online-, Telefon- und seit kurzem auch Videoberatung der PBS in Anspruch genommen werden.

PBS an der Uni Konstanz

Gebäude K, Ebene K3, Raum K 313 – 315 Universitätsstraße 10, 78464 Konstanz

Tel +49 7531 – 88 7310

Anmeldung per Mail an pbs@seezeit.com oder persönlich immer montags & freitags zwischen 11-12 Uhr. Anonyme, verschlüsselte Beratung über die Online-Plattform beranet:

PBS an der HTWG

Ansprechpartnerin für die HTWG Konstanz ist Christine Klaschik, unter der Mail christine.klaschik@seezeit.com zu erreichen.

Deutsche Telefonseelsorge

Auch die deutsche Telefonseelsorge bietet auf verschiedenen Kanälen Hilfe für Ratsuchende in Krisenlagen. Einfach mal vorbeischauen:

Auch ihre App „Krisenkompass“ ist sehr zu empfehlen, die man im App Store oder Google Play Store kostenlos herunterladen kann.

Gespräch mit Reinhard Mack

Campuls hat dem Leiter des PBS-Teams, Reinhard Mack, ein paar Fragen zur aktuellen Situation gestellt. In der Zeit des massiven Lockdowns war nur telefonische Beratung möglich und obwohl das vielen geholfen hat, gab es mit dieser Umsetzung erhebliche Schwierigkeiten. Reinhard Mack erzählt, dass sich viele Studierende nicht getraut haben, sich bei der PBS zu melden. Der persönliche Erstkontakt sei essentiell, um Vertrauen zu den Klient_innen aufbauen zu können. Eine Video-Sprechstunde war aufgrund von bestimmten Vorgaben nicht vom Home-Office aus machbar. Nichtsdestotrotz meint der Leiter des PBS-Teams, dass das Angebot der PBS definitiv Hilfe leisten könne, oft in Form von Zuhören und Gesellschaft leisten. Die meisten Studierenden wollen sich ihre Sorgen und Ängste von der Seele reden, von denen es in der Corona-Zeit genügend gebe.

Der Psychotherapeut berichtet, dass sich viele Gedanken um die Zukunft ihres Studiums machen würden, auch aufgrund finanzieller Sorgen. Weitere Fragen waren, wie man trotz Einschränkungen eine Routine beibehält und nicht im Strudel des Nichtstun versinkt. Viele Klient_innen hatten Angst, ihre Eltern gesundheitlich zu gefährden, aber allein in der WG zurückzubleiben, war oft auch keine Option. Die, die wieder zuhause bei ihrer Familie waren, berichteten von alten Konflikten, die daheim aufbrachen. Letztlich wird klar, dass die Pandemie allerlei Sorgen und Ängste hervorruft und uns aus der gewohnten Routine herausreißt. Wir werden mit neuen Herausforderungen konfrontiert und mit beunruhigenden Nachrichten bombardiert. Reinhard Mack berichtet, dass auch er seine Schwierigkeiten hatte, seinen Weg zwischen sinnvollem, vorsichtigem Verhalten und Ablehnung von übertriebenen Warnungen zu finden. Für ihn war ein gleichbleibender Rhythmus der Schlüssel dafür, in dem Chaos einen kühlen Kopf zu bewahren. Eine Tagesstruktur mit täglichem Spaziergang zum Hörnle helfe ihm dabei. Auch der stetige Kontakt mit Freund_innen, Verwandten und Arbeitskolleg_innen war für ihn sehr wichtig. Mir rät er vor allem zu Bewegung an der frischen Luft, da das Balsam für die Seele sei.

Letztendlich wird klar: Wir alle leiden unter dieser außergewöhnlichen Situation, jeder mit unterschiedlichen Problemen und Bewältigungsstrategien. Daher sollten wir uns nicht davor scheuen, unserer Familie und Freund_innen ehrlich von unseren Ängsten und Gedanken zu erzählen. Wir sollten gemeinsam trauern, gemeinsam Angst haben und gemeinsam die Pandemie durchstehen. Zu guter Letzt noch ein paar ungewöhnliche Tipps, die die eigene Stimmung bestimmt heben könnten:

  • Lieblingsmusik ganz laut aufdrehen, mitsingen und tanzen. Wenn man allein ist, ist es auch egal, ob das bescheuert aussieht. Aber sich alles von der Seele zu feiern, tut gut, auch wenn die Clubs noch geschlossen bleiben müssen (außerdem ist es daheim umsonst und das Bier kostet auch keine drei Euro).
  • Jeden Tag ein bisschen Yoga vertreibt Kummer und Sorgen.Yoga hat eine ausgleichende und entspannende Wirkung für Körper und Geist, man bringt den Kreislauf in Schwung und kann jedem auf die Nase binden, dass man jetzt Sport macht.
  • Serien oder Filme anschauen, die wahre Geschichten oder Biografien thematisieren. Das unterhält und gleichzeitig lernt man noch etwas. Auch Studiengang-kompatible Dokus sind im Internet massenweise zu finden: Somit wird Produktivität und Entspannung verbunden.
  • Aufhören, sich selbst zu verurteilen! Diese Pandemie ist eine persönliche Herausforderung für jede/n. In dieser Situation ist es völlig okay, ein paar Kilo zuzunehmen, morgens manchmal nicht aus dem Bett zu kommen oder anzufangen, mit seinen Zimmerpflanzen zu reden. Wir müssen nicht alle die nächste Judith Williams oder der nächste Mark Zuckerberg werden.
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