Blätter und Neonschild

Deutschland im Siegel-Wahnsinn

Zertifizierungen für Produkte sind nichts Neues. Schon seit einigen Jahren sind sie auf vielen Lebensmittelprodukten zu finden, wie beispielsweise das FairTrade Siegel. Doch mittlerweile beschränken sich Siegel und Produktversprechen nicht nur auf den Lebensmittelbereich, sondern halten auch vermehrt Einzug in die Kosmetikbranche.

„Zu 98 Prozent pflanzlichen Ursprungs“, „biologische Inhaltstoffe“, „frei von Mikroplastik“ oder „vegan“. Behauptungen wie diese strahlen Kosument:innen immer mehr von Verpackungen verschiedenster Kosmetikprodukte entgegen. Dazu kommen Kosmetiksiegel, die allerhand versprechen. All diese Siegel, wie auch die unterschiedlichen Behauptungen auf den Produkten sind mittlerweile so zahlreich, dass es schwer fallen kann, einen Überblick zu behalten.

Welche Produkte sind „besser“? Was passt am besten zum eigenen Lifestyle und den eigenen ethischen Ansichten? Was bedeuten die Siegel eigentlich?

Es ist gar nicht so einfach, aus diesem großen und unübersichtlichen Haufen an Produkten mit den verschiedenen Versprechen das für sich Passende herauszufiltern. Helfen kann dabei ein genauerer Blick auf die häufigsten Siegel und ihre Bedeutung.

Sinn und Zweck einer Zertifizierung

Naturkosmetik boomt, und das nicht erst, seit vegetarische und vegane Ernährung auf dem Vormarsch sind und ökologisches Bewusstsein wie auch die Reflektion des eigenen Konsumverhaltens in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Es gibt Unternehmen, die sich bereits seit vielen Jahrzehnten der Verwendung von natürlichen Inhaltstoffen verschrieben haben.

Betrachtet man den Kosmetikmarkt und dessen Entwicklung in den letzten Jahren genauer, fällt dennoch auf, dass sich der Anteil an Naturkosmetik von Jahr zu Jahr weiter steigert. Dazu tragen auch die Verbraucher:innen bei, die sich vermehrt mit den Inhaltstoffen, deren Herkunft und den Auswirkungen auf die Umwelt auseinandersetzten.

Das große Problem: „Naturkosmetik“ ist kein rechtlich geschützter Begriff, sodass sich theoretisch jedes Unternehmen eine Produktlinie als „Naturkosmetik“ bezeichnen kann. Auch das Verpackungsdesign kann in die Irre führen, denn nur weil mit Aloe Vera Pflanze abgebildet ist und damit geworben wird, müssen nicht alle Inhaltsstoffe pflanzlichen Ursprungs sein. Auch sehen manche Symbole auf den Produkten aus, als handele es sich dabei um offizielle Siegel, ohne, dass dies der Fall sei.

Wer Wert darauf legt, dass die kosmetischen Produkte, die man verwendet, einem bestimmten Standard entsprechen, denen können Naturkosmetiksiegel helfen, da diese eine größere Anzahl an Inhaltstoffen verbieten als die entsprechende EU-Verordnung. So gilt für Naturkosmetik beispielsweise ein Verbot von jeglichen Inhaltstoffen auf Erdölbasis sowie Silikone. Gleiches gilt für Mikroplastik und viele Konservierungsstoffe. Nanopartikel sind von diesen Verboten allerdings ausgenommen. Einige Siegel schreiben zudem vor, dass zumindest ein Teil der Stoffe aus biologischem Anbau stammen muss. Außerdem werden Unternehmen regelmäßig geprüft, ob sie die Standards der jeweiligen Zertifizierung einhalten.

Zu den in Deutschland am häufigsten anzutreffenden Siegeln gehören:

Quelle: spiegel.de

NATRUE

Das vom gleichnamigen europäischen Naturkosmetikverband vergebene Siegel zertifizierte Kosmetik, die überwiegend aus Naturstoffen, das heißt Rohstoffen aus pflanzlicher, tierischer oder mineralischer Herkunft, bestehen. Die Zertifizierung gibt es in drei Stufen, welche Artikel in „Naturkosmetik“, „Naturkosmetik mit Bioanteil“ und „Biokosmetik“ unterteilt. Letzteres bezeichnet Produkte, deren Inhaltstoffe zu 95% aus biologischem Anbau stammen. Auf der Webseite der Organisation können Verbraucher:innen genauer prüfen, zu welcher Kategorie ein Produkt gehört und welche Standards gelten. Zu finden ist die Datenbank von NATRUE zertifizierten Produkten hier.

BDIH-Siegel

Das Siegel wird vom „Bundesverband der Industrie- und Handelsunternehmen für Arzneimittel, Reformwaren, Nahrungsergänzungsmittel und kosmetische Mittel“, kurz BDIH, vergeben und ist ein verbreitetes Siegel für Naturkosmetik. Die meisten zugelassenen Inhaltsstoffe müssen pflanzlich sein, es sind aber auch einige tierische und mineralische Bestandteile erlaubt. Jegliche Rohstoffe, die nach dem 31.12.1997 an Tieren getestet wurden, dürfen nicht verwendet werden und auch Tierversuche mit dem Endprodukt sind verboten. Zudem müssen bestimmte Inhaltstoffe, wie zum Beispiel Kakaobutter, aus biologischem Anbau sein. Stoffe wie Paraffine oder PEG (Polyethylenglykole) dürfen in den Produkten nicht verwendet werden. Bestimmte Konservierungsstoffe sind zugelassen, müssen aber auf der Verpackung gekennzeichnet werden.

Veganblume

Das Label wird von der „Vegan Society“ vergeben und garantiert, dass die zertifizierten Produkte vegan sind, also dass Rohstoffe verwendet werden, die nicht von lebenden oder toten Tieren stammen. Wie beim BDIH-Siegel, sind Tierversuche für die Inhaltstoffe, Entwicklung und Herstellung verboten, es gibt jedoch keinen Stichtag, ab wann das Tierversuchsverbot gilt. „Vegan“ ist hier allerdings nicht gleichbeutend mit „Naturkosmetik“. Das Siegel sagt nichts darüber aus, ob es sich um reine Naturkosmetik handelt, oder ob die Rohstoffe Bio-Qualität haben.

Zum Thema Tierversuche

Die Relevanz und Sinnhaftigkeit von Tierversuchen wird immer wieder diskutiert und angezweifelt, doch trotz bestehender und zugelassener Alternativen halten Industrie, Pharmazie und Wissenschaft oft an diesem Testverfahren fest. Daran hat auch die EU-Verordnung von 2013, welche die Testung neuer kosmetischer Inhaltsstoffe an Tieren verbietet, nicht viel geändert.

Die Verordnung regelt im Detail, dass in Europa keine kosmetischen Produkte und Rohstoffe im Tierversuch getestet werden dürfen. Allerdings gilt dies nur für Stoffe, die ausschließlich im Kosmetikbereich verwenden werden, was nur circa 10 Prozent der Inhaltsstoffe betrifft, die für Kosmetik verwendet werden. Werden Stoffe auch in der Industrie verwendet, können Tierversuche nach wie vor durchgeführt werden. Außerdem gilt diese Regelung nur innerhalb der Europäischen Union. Ein weltweites Verbot ist nicht in Sicht.

Tierversuchsfreie Kosmetik im engsten Sinne gibt es nicht, denn jeder Stoff, selbst solche, wie zum Beispiel Jojobaöl, die seit Jahrhunderten für die Körperpflege verwendet werden, wurden im vergangenen Jahrhundert an Tieren hinsichtlich ihrer Schädlichkeit getestet. Dennoch ist die EU-Verordnung von 2013 ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung, trotz mancher Schlupflöcher, welche die Verordnung ermöglicht. Es geht darum, unnötiges Tierleid zu vermeiden und Kosmetikkonzerne sowie die Industrie dazu zu zwingen, über tierversuchsfreie Alternativen nachzudenken. Auch in diesem Bereich gibt es Kosmetiksiegel, die Verbraucher:innen helfen, Kosmetik ohne Tierleid zu finden:

Leaping Bunny

Bei dem Siegel mit dem springenden Hasen handelt es sich um ein Label, dass 1996 von einem internationalen Netzwerk verschiedener Tierschutzorganisationen ins Leben gerufen wurde. Das Siegel legt seinen Fokus auf tierversuchsfreie Kosmetik und zählt zu den strengsten Zertifizierungen in diesem Bereich weltweit. Unternehmen müssen sicherstellen, dass weder sie, noch Tochterunternehmen ebenso wie Zulieferer:innen Tierversuche in irgendeiner Form durchführen. Dies bedeutet, dass die Unternehmen ihre Produkte beispielsweise nicht auf dem chinesischen Markt verkaufen dürfen, da in China, bis auf wenige Ausnahmen, die Testung von Kosmetikprodukten an Tieren vorgeschrieben ist. Um sicherzustellen, dass die hohen Standards eingehalten werden, werden die entsprechenden Unternehmen regelmäßig von Dritten geprüft und die Zertifizierung bei Missachtung der Standards aberkannt. Die Homepage dieses Siegels bietet eine englischsprachige Produktsuche an, die regelmäßig aktualisiert wird.

Quelle: sanovital.de

Wie steht es um Produkte ohne Zertifizierung?

Siegel haben durchaus ihren Sinn und können Verbraucher:innen dabei helfen, Produkte zu finden, die zu den persönlichen, moralischen wie ethischen Grundsätzen passen. Die Auseinandersetzung mit ihnen schärft zudem das Bewusstsein für Inhaltstoffe und die Umwelt- wie Tierversuchsproblematik, die dabei mitschwingt. Doch wie steht es um Produkte ohne Zertifizierung? Sind diese automatisch schlechter?

Nein, denn nicht jede:r Hersteller:in kann und will sich eine Zertifizierung leisten.

Um ein bestimmtes Siegel auf seinen Produkten oder einer bestimmten Produktlinie drucken zu dürfen, muss das Unternehmen erst von externen Prüfern begutachtet werden. Gerade kleine Manufakturen oder Unternehmen, die neu auf dem Markt sind, können sich das (noch) nicht leisten. Außerdem gibt es auch sogenannte „naturnahe Kosmetik. “. Dabei handelt es sich um Produkte, die den Anforderungen von Kosmetiksiegel nicht oder nicht vollständig entsprechen, deren Hersteller aber in ihrem Produkten überwiegend auf pflanzliche wie tierische Inhaltsstoffe setzten.

Wichtig ist sich mit dem jeweiligen Hersteller auseinanderzusetzten, die Liste der Inhaltstoffe genau zu lesen und gründlich zu recherchieren.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Ähnliche Posts
Lesen

YouTuberin “Typisch Sissi” aus Konstanz im Gespräch

Mit ihrem YouTube-Kanal „Typisch Sissi“ hat Sissi Kandziora aus Konstanz eine Reichweite von etwa 250.000 Menschen, auf Instagram folgen ihr über 30.000 Accounts. Seit bereits elf Jahren steht sie vor der Kamera und teilt ihr Leben mit der Öffentlichkeit. Sissis mediale Präsenz hat dabei im Laufe der Jahre und besonders seit 2015 einen thematischen Wandel durchlaufen. Seit wenigen Jahren zeigt sie sich nachhaltig und konsumkritisch. Das war nicht immer so. Sissi befasste sich in ihrer Anfangszeit mit Themen wie Beauty, Fashion und Lifestyle, machte Werbung für Produkte und zeigte stolz in ihren YouTube-Videos, was sie in den Geschäften erbeutet hat.
Lesen

Die Masterarbeit: Ein Prozess

Jede:r von uns kennt sie: Abschlussarbeiten. Am Anfang des Studiums scheinen sie noch in weiter Ferne zu liegen. Im Masterstudium hat man kaum ein Jahr studiert, schon springt einem diese Abschlussarbeit entgegen, wie eine lästige Klette. Noch dazu kann dies auch eine große Umstellung sein: Während man an einigen Universitäten bis zu sechs Monate Zeit für eine Bachelorarbeit hat, sind es im Master plötzlich nur noch vier. Unsere Chefredakteurin sitzt gerade selbst an ihrer Masterarbeit und nimmt euch mit durch ihre verschiedenen Phasen der Verzweiflung, Hochgefühl und fehlendem Antrieb.
Männer in Uniform
Lesen

Der Kommunale Ordnungsdienst Konstanz: „Rücksichtszone“ beachten!

Konstanz im Sommer ist eine wunderschöne Stadt mit einem noch schöneren See. Das sehen viele so: Tourist_innen, Anwohner_innen, Studierende. Eine Ecke dieser Stadt ist dabei ganz besonders heiß begehrt. Diese Ecke wird auch Seerhein genannt. Dieser ist zugleich Abfluss des Obersees und Hauptzufluss des Untersees und damit eines der Wasserwunder von Konstanz. Ab der Alten Konstanzer Rheinbrücke erstreckt sich dieses Wunder über 4,3 km in den Westen.