Happy Halloween: Des einen Freud, des anderen Leid

Halloween spaltet so manche Gemüter. Die einen verkleiden sich begeistert, die anderen verdrehen beim ersten Klingeln schon genervt die Augen. Unsere Redakteurinnen Julia und Jamie-Lee haben den Feiertag genauer unter die Lupe genommen.

Julia zelebriert bewusst “All Hallows Eve”

Halloween – ein Tag, der die Bevölkerung spaltet und zu wild pochenden Adern und Schnappatmung führen kann wie wohl kaum ein anderer Tag im Jahr. Für die einen ist Halloween ein fester Bestandteil im Jahreskalender, für die anderen ein unnötiger, von den US-Amerikaner:innen übernommener Festtag, der mit unseren europäischen Traditionen nichts zu tun hat. Ich persönliche gehöre definitiv zu denen, die „All Hallows Eve“ bewusst begehen. 

Warum? Hier ein paar Gründe: 

  1. Mir gefällt die unheimliche Stimmung, die schon allein durch den Nebel zu dieser Jahreszeit erzeugt wird, sowie die Gruselfilme und Gespenstergeschichten. Durch mein Auslandsjahr in Irland habe ich zu Halloween einen ganz neuen Bezug bekommen, denn was viele nicht wissen und was mir lange selbst nicht bewusst war: Halloween ist eine alte irische Tradition, die aus dem keltischen Feiertag „Samhain“ hervorging. Am Tag vor Allerheiligen stehen die Tore zur Anderswelt offen und bieten des übernatürlichen Wesen die Möglichkeit in unserer Welt umherzuwandeln. Darüber hinaus verkörpert dieser Tag aber auch den Übergang vom Herbst in den Winter.
  2. Ich dekoriere und verkleide mich gerne. Halloween bietet da eine schöne Gelegenheit, diese Neigung auszuleben. Und auch in diesem Bereich hat mich meine Zeit in Irland geprägt, denn dort wird Halloween intensiver gefeiert. Schon Wochen im Voraus beginnen die Menschen, ihre Häuser liebevoll zu schmücken und zwar nicht nur mit ein paar Kürbissen in den Fenstern. Spinnweben werden an den Türen befestigt, Vorgärten zu kleinen Friedhöfen um dekoriert, aus denen sich auch mal ein Skelett aus der Erde zu erheben versucht, und bei manchem Haus könnte man meinen, Graf Dracula persönlich tritt gleich heraus. Gekrönt wird das Ganze durch eine Parade am 31. Oktober, bevor es zu den verschiedenen Partys geht, bei denen alle kostümiert erscheinen.
  3. Natürlich ist meine Sicht auf Halloween nostalgisch verklärt und manche werden jetzt sagen: Alles schön und gut, aber wir sind erstens keine Iren und zweitens: Was soll das Klingeln an fremden Türen, um Süßigkeiten zu erpressen? Wir Deutschen sind kein Volk, das gerne fremde Menschen vor seinen Haustüren stehen hat. Das beginnt bei den Zeugen Jehovas und endet bei Vorwerk-Vertreter:innen. Kinder, die um Süßes bitten? God forbid! Zugegeben, „Trick or Treat“ in seiner heutigen Form ist ein Brauch aus den Staaten, den man kritisch betrachten kann, aber: Auch im süddeutschen Raum existiert die Tradition des von Tür zu Tür Gehens. Nach dem Ersten Weltkrieg, als Wohlstand für viele ein Fremdwort war und ein großer Teil der Bevölkerung sein Geld als Tagelöhner verdiente, war der Übergang vom Herbst in den Winter eine harte Zeit. Die Ernte war vorbei und Holzschlagen noch nicht möglich; die Einnahmemöglichkeiten waren daher gering, das Geld knapp und Hunger an der Tagesordnung. Kinder stahlen damals Zuckerrüben von den Feldern und schnitzten in diese Gesichter, um dann mit ihnen von Tür zu Tür zu gehen und um Nahrungsmittel für sich und ihre Familien zu bitten.
  4. Aus den Rüben sind mittlerweile Kürbisse geworden. Sie dürfen im Herbst und insbesondere an Halloween auf keinen Fall fehlen. Schon ab Anfang Oktober grinsen einen die unterschiedlichsten Fratzen aus Fenstern und vor Haustüren entgegen. Für mich gehört das Schnitzen von Kürbissen zum Herbst und zu Halloween wie der Weihnachtsbaum zu Weihnachten. Und wie beim Baumschmücken ist auch das Gestalten eines Kürbisses eine Beschäftigung, der man gemeinsam nachgeht, denn einen Kürbis schnitzt man nicht allein. Man verbringt so aktiv Zeit mit der Familie, etwas, für das sich viele im übrigen Jahr viel zu wenig Zeit nehmen. Dass aus der Rübe ein Kürbis wurde, liegt im Übrigen nicht daran, dass wir unsere eigene Tradition vergessen haben, sondern schlichtweg daran, dass sich der Anbau von Zuckerrüben für viele Landwirte nicht mehr lohnt und daher kaum noch welche zu finden sind. 
  5. Wo wir gerade bei Traditionen sind: auch das Erzählen von Grusel- und Geistergeschichten hat eine lange Tradition. Die Faszination am Übernatürlichen, am Unheimlichen und Gruseligen ist so alt wie die Menschheit selbst und daran ist nichts Verwerfliches. Trotzdem gibt es jedes Jahr aufs Neue Diskussionen darüber, was dieser „Horror“ mit den Kindern macht. Für Zartbesaitete sind einige Kostüme tatsächlich nur schwer zu ertragen, doch was an Halloween verurteilt und als abstoßend betitelt wird, wird beispielsweise während der Fasnet kommentarlos hingenommen. Eltern gehen mit ihren Kindern auf Umzüge, wo eine Zunft nach der anderen ihre teilweise grotesk verzerrten Masken zur Schau stellen. Diskussionen, wie sich solche Anblicke auf die Kinderseele auswirken, gibt es aber nur sehr selten. 
Zusammen gestaltet sich das Kürbischnitzen als Familienzeit. Fotos: Malin Jachnow

Jamie-Lee denkt bei Halloween eher an zehn Gründe gegen die gruseligste Zeit im Jahr

Schon im September fangen die ersten Leute an, sich mit dicken Schals einzupacken, Kürbissuppe für das ganze nächste Jahr zu kochen und einzufrieren und ihre Pumpkinspice Lattes zu trinken. Das alles tut keinem weh, auch wenn böse Zungen sich immer wieder über die Herbsteuphorie aufregen. Was jedoch wehtut, ist der Horror, den manche Menschen bereits im September anfangen zu verbreiten. Bis zuletzt wird der Countdown mit Gruselgeschichten und Kostümeinkäufen gezählt: Nur um am 31. Oktober Halloween zu zelebrieren.

Gegen diesen Humbug spricht einiges, da dies jedoch nur ein Artikel und kein Manifest wird, begrenze ich mich auf die zehn wichtigsten Punkte, die gegen Halloween sprechen:

  1. Wir sind keine Iren und feiern Halloween nur weil die Amerikaner:innen diese Tradition von ihren eingewanderten Vorfahren übernommen haben, von denen wir dieses Fest wiederum von den Amerikaner:innen übernommen haben. Die wenigsten Menschen wissen, dass Halloween religiöse, keltische Wurzeln hat und halten es für ein rein heidnisches Fest zum Frönen der Dunkelheit.
  2. Zartbesaitete Leute werden Horrorfilmen und Grusel ausgesetzt. Albträume sind die Folge und dann können sich diese armen Seelen noch nicht einmal in allen Bundesländern mit einem anschließenden Feiertag von dem Schrecken erholen.
  3. Wildfremde Menschen klingeln an anderer Leute Türen und verlangen Süßigkeiten, wird diesem Verlangen nicht nachgekommen, gibt es eine Bestrafung. Mal abgesehen davon, dass Süßigkeiten ungesund sind, ist Erpressung eine Straftat – an Halloween wird jedoch anscheinend darüber hinweggesehen. Halloween oder wie man Kinder zu kleinen Mafiosi heranzieht, die sich später mal um Schutzgelderpressung kümmern. Pädagogischer Irrsinn vom Feinsten.
  4. Süßigkeiten sind und bleiben ungesund. Wir konsumieren ohnehin schon viel zu viel Zucker, da in jedem Produkt (ja auch in Coke Zero) dieses uns abhängig machende Süßungsmittel steckt und wir sollten als verantwortungsbewusste Menschen von diesem wenigstens versuchen, mehr zu distanzieren.
  5. Es wird dem Kommerz gefrönt und teure Kostüme gekauft, die einmal getragen werden und dann in der Ecke verstauben – das ist verschwenderisch und dazu noch wenig umweltverträglich.
  6. Halloween ist nicht aus Leidenschaft fürs Verkleiden herüber geschwappt, sondern wurde 1994 bewusst von der Fachgruppe Karneval vom deutschen Verband der Spielwarenindustrie beworben: Es lebe der Kapitalismus!
  7. Die Kostüme sind dazu mitunter noch sehr blutig – umso makaberer, desto besser! Kindliche Traumata von durch die Straßen laufenden Leichen sind da vorprogrammiert, denn Kinder können nicht immer zwischen realer und Fantasiewelt unterscheiden.
  8. Und wenn wir schon bei Kapitalismus und Kostümen sind, diese können noch einen unschönen Nebeneffekt haben: kulturelle Aneignung oder Ableismus. Es wird sich bei Ersterem an der Kultur von Minderheiten bedient, um diese auszuschlachten, obwohl die Mehrheitskultur die Kleidungsstücke, Gesichtsbemalungen oder Rituale teilweise bis heute verachtet oder verbietet. Diese Menschen werden dabei ihrer Kultur enteignet und noch weiter stereotypiert – egal ob eine betroffene Person dies sieht oder nicht, es ist unsensibel
    Bei Ableismus handelt es sich um ungerechtfertigte Ungleichbehandlung wegen einer physischen oder psychischen Beeinträchtigung. Auch dies kann auf bestimmte Kostümierungen zutreffen.
  9. Halloween-Partys. Muss ich mehr sagen? Na gut: Alkoholvergiftung von Minderjährigen und Vandalismus mit Polizeieinsätzen sind an Halloween keine Seltenheit, denn um dieses Fest herum ist mittlerweile eine starke Party- und Trinkkultur entstanden, die nicht selten für Eskalation sorgt.
  10. Durch Halloween werden lokale Bräuche verdrängt. In meiner Heimat gibt es nämlich etwas viel Besseres: Rund um Kassel feiert man am sechsten Dezember, also an Nikolaus, den „Glowesabend“. Dieser ist einst ohne PR-Gehirnwäsche entstanden und anstatt von Zombies laufen kleine Rentiere, Elfen oder Nikoläuse mit ihren Beuteln durch die Dörfer und sammeln Süßigkeiten, Äpfel und Nüsse. Selbst die Sprüche der Kinder sind freundlicher und der Erpressergeist wird dabei auch nicht gefördert, denn auf „Saures“ wird verzichtet.
Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Ähnliche Posts
Lesen

Sexpositivität

Die seit ein paar Jahren eher im Untergrund veranstalteten Sex-positiven Partys sowie der Begriff der Sexpositivität an sich werden aktuell immer lauter und finden ein breiteres und diverseres Publikum als bislang. Was Sexpositivität ist, woher der Begriff und die Bewegung kommen und was es mit Partys aus diesem Kontext auf sich hat, erklärt Serafina Strömsdörfer.