Kulinarische Bahnausen

25 Grad im Schatten, Gleiswechsel von 3 auf 10. Einzige Möglichkeit: ein olympischer Sprint über den ganzen Bahnhof. Der Körper droht, unter dem Gewicht des Gepäcks jeden Moment zusammenzubrechen, aber kein Grund, jetzt schlapp zu machen. Der Schweiß tropft aus allen Poren und scheint im selben Moment schon wieder zu verdampfen. Menschen, aufgescheucht wie Hühner in Legebatterien, drängen sich vor den Eingangstüren des verspätet bereitgestellten Zuges. Mit Nerven, mittlerweile unter Hochspannung wie die Oberleitung, versuche ich, mich auf alles gefasst zu machen. Hoffentlich funktioniert wenigstens die Klimaanlage.

Sitzplätze sind rares Gut und wer nicht reserviert hatte, muss standhaft bleiben. Nicht ich. Das nahegelegene Bordbistro macht sich schon kurz nach dem Einstieg in den Zug durch einen beißenden Geruch bemerkbar. Leider habe ich meine Erkältung bereits auskuriert und FFP2 Masken sind auch schon lange keine Pflicht mehr. Also muss ich da jetzt durch. Die Gerüche haben ihren Ursprung in einer Vielzahl kulinarischer Grausamkeiten und vermischen sich zu einem Cocktail, dessen Geruch glatt als Ordnungswidrigkeit durchgehen könnte. Beim Gedanken an die herumliegenden Essensreste verkrampft sich mein Magen und meine Hand tastet verzweifelt nach dem Griff des fest verschlossenen Fensters. Ein Gefühl von Ekel überkommt mich. Kein Ausweg. Also hilft nur das Mitmachen: Ich krame aus meiner Tasche eine Tüte mit meiner Butterbrezel hervor und beginne, zu essen. Von meinem Platz aus beobachte ich die hungrige Meute, wie sie sich über Mettbrötchen, Gulasch und Wiener Würstchen im Brötchen mit Senf und Ketchup hermacht. Eine Gruppe betrunkener Fußballfanatiker neben mir hebt fünf Dosen Perlenbacher in die Mitte des mit Hopfensaft gefluteten Tisches, um laut posaunend den Sieg ihrer Mannschaft zu feiern. Unter das schon fast nicht mehr aushaltbare Odeur, das mich mittlerweile mehr an eine Wurstwarentheke als an ein Zugabteil erinnert, mischt sich nun auch noch der süßlich-bittere Duft der 49-Cent-Plörre und mir vergeht endgültig der Appetit. Ich glaube nicht, dass er so schnell wieder kommt und packe meine Butterbrezel wieder ein.

Plötzlich stoppt der Zug, mein Blick fällt auf die Anzeige: Wir stehen irgendwo in der Pampa. Warten auf einen entgegenkommenden Zug. Der ganz normale Bahnsinn . Niemand weiß, wie lang sich diese Höllenqualen noch hinziehen werden. Durch die sich im Abteil stauende Hitze, entwickelt das mir dargebotene Buffet gleich ein Eigenleben und niemand kommt hier mehr lebend raus. Ich schicke ein Stoßgebet Richtung Oberleitung und wie von Geisterhand setzt sich der Zug wieder in Bewegung. Noch drei Kilometer bis zum Ausstieg. Kurz vor Erbrechen verlagere ich meine Aufmerksamkeit auf die Gepäckablage und versuche, den schnellsten Ausweg aus der mobilen Mikrowelle auszukundschaften. Meine Mühen machen sich bezahlt und ich bin der erste, der nach diesen unaushaltbaren Qualen seine Lunge wieder mit frischer klarer Luft füllen darf. Ausgelaugt und überwältigt von der schier endlosen 20-minütigen Bahnfahrt trete ich nach draußen und bin froh, es noch lebendig hier raus geschafft zu haben.


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Ich frage dich: Woher weißt du, dass du nicht straight (ausschließlich heterosexuell) bist oder dich als ausschließlich weiblich oder männlich identifizierst? Von sich selbst zu wissen, queer zu sein, kann sich sehr bestärkend anfühlen. Endlich können die eigenen Gefühle eingeordnet und benannt werden, vielleicht ergibt es auf einmal Sinn, sich irgendwie „komisch“ oder „anders“ zu fühlen. Es kann auch eine schwer fassbare, harte Realisierung sein, nicht die Person zu sein, die man zu sein glaubte oder die andere in einem sehen. Im Gespräch mit verschiedenen Menschen höre ich mir Gedanken über deren Reise zur eigenen Queerness an und versuche zu erkunden, wie Menschen sich selbst als queere Person kennen- (und lieben) gelernt haben, was sie sich gefragt haben und welche Antworten sie für sich gefunden haben.