Ein Interview mit dem Kanzler

Nein, nicht mit Friedrich Merz, sondern Dr. Matthias Kreysing, dem neuen Kanzler der Uni Konstanz. „Es sind natürlich schon Herausforderungen, die jetzt auf die Uni zukommen und ein gutes Miteinander erfordern.“ Dennoch freut sich Herr Kreysing auf die Zusammenarbeit in den nächsten Jahren. Im Gespräch mit Campuls ging es um den Wegfall des Exzellenzstatus’, die finanziellen Herausforderungen der nächsten Jahre und seinen Lieblingsort am Campus…

Seit Dezember letzten Jahres ist Dr. Matthias Kreysing Kanzler der Universität Konstanz. Zuvor war er Vizepräsident für Verwaltung und Finanzen an der Universität Hildesheim. Als Kanzler leitet er nun die Universitätsverwaltung und ist unter anderem zuständig für die Bereiche Finanzen und Personal, sowie die Bau- und Sanierungsplanung. Durch sein Amt ist er automatisch Mitglied des Rektorats, dem höchsten Leitungsgremium der Universität, welches die Uni nach außen vertritt und intern die Zusammenarbeit der verschiedenen Organisationseinheiten koordiniert. Gewählt wird der oder die Kanzler:in alle acht Jahre vom Senat und dem Universitätsrat, zwei voneinander unabhängigen Gremien.

Herr Kreysing, Sie sind als Kanzler an die Universität Konstanz gekommen. Zuvor waren Sie lange Zeit in Hildesheim.

Was zog Sie nach Konstanz?

In Konstanz ist der Geist der Reformuniversität immer noch vorhanden und damit ein stärkeres Interesse, sich zu reformieren und Neues auszuprobieren. Das finde ich unglaublich reizvoll. Das Besondere an der Uni Konstanz ist, dass man durch ihre kleine Größe noch eine familiäre Atmosphäre hat, wo man sich begegnet und aus diesen Begegnungen auch etwas Neues entstehen kann und wo ein etwas pragmatischerer Umgang herrscht. Ich glaube, letztendlich profitieren auch die Studierenden von der überschaubaren Größe und dem Campuscharakter. Und es freut mich sehr, dass wir hier auch mit den Studierenden einen so engen Austausch haben und diese Nähe pflegen. Die Region spielt natürlich auch eine Rolle, aber das ist wirklich zweitrangig.

Sie haben angesprochen, dass man wegen der Größe der Uni neue Sachen ausprobieren kann. Haben Sie etwas, das Sie in Ihrer Amtszeit in den nächsten Jahren gerne ausprobieren möchten?

Es sind natürlich schon Herausforderungen, die jetzt auf die Uni zukommen und ein gutes Miteinander erfordern. Durch den Wegfall des Exzellenzclusters haben wir einen finanziellen Druck. Wir können viele der Projekte nicht mehr vorantreiben, die wir bisher aus Mitteln der Exzellenzstrategie finanziert haben. Das spüren wir jetzt schon. Es werden Mitarbeitergespräche geführt und einige Verträge laufen leider einfach aus. Gleichzeitig müssen wir schauen, wie wir uns aufstellen, damit wir in der nächsten Bewerbungsrunde 2032 auch so positioniert sind, dass wir wieder erfolgreich sein können. Wir müssen gucken, wie wir die Ideen zusammen mit den Fachbereichen umsetzen können. Da erlebe ich eine sehr große Offenheit und Bereitschaft, die Herausforderung gemeinsam anzugehen.

Wenn man stärker auf die Verwaltung schaut, dann ist ein großes Thema, wie wir Prozesse vereinfachen können und damit schneller und effizienter werden. Da spielt Digitalisierung natürlich mit rein. Wie können wir bestimmte Abläufe digitalisieren und so einfach wie möglich für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gestalten, genauso für die Studierenden. Das wird nicht von heute auf morgen funktionieren, aber dieses Ziel habe ich vor Augen.

Sie hatten den Exzellenzstatus bereits angesprochen. Der fällt jetzt weg und damit auch die finanzielle Förderung. Wo fehlt der Uni in Zukunft das Geld?

Faszinierend und wirklich hervorragend ist, dass die Uni Konstanz seit Beginn der Exzellenzstrategie, im Jahr 2007, Exzellenzuniversität war. Da wurden Bereiche aufgebaut, die es in dieser Form vorher an Universitäten gar nicht gab. Weniger in der Kernverwaltung, sondern im Wissenschaftsmanagement, zum Beispiel Unterstützungs- und Beratungsangebote für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Jetzt müssen wir gucken, was wir uns zukünftig weiter leisten können und welche Angebote wir leider abbauen müssen.

Was erfreulich ist: Auf dem Campus entsteht gerade das forum.konstanz, welches im Rahmen der Exzellenzstrategie entworfen wurde und deren Geist verkörpert. Die Baustelle kann man auf dem Campus sehen, gegenüber von Gebäude N und P. Bis 2030 ist das Gebäude hoffentlich fertig, die Finanzierung ist auf jeden Fall gesichert.

Der Kanzler im Interview mit Campuls. Bild: Alexander Hidalgo Achilles

Gibt es andere Gebäude oder bauliche Maßnahmen, die nicht umgesetzt werden können?

Es gibt natürlich viele offene Baustellen, vor allem im Bereich der Sanierung. Jetzt nicht unbedingt, weil die Exzellenzförderung wegfällt. In Hildesheim war die Uni eine Stiftung, da gehörten die Gebäude der Stiftung und damit der Universität. Die Gebäude der Uni Konstanz gehören dem Land Baden-Württemberg und werden von der Behörde „Vermögen und Bau“ verwaltet. Zum Glück ist das Arbeitsverhältnis wirklich sehr gut. Kolleginnen und Kollegen von anderen Universitäten berichten mir häufig von Schwierigkeiten mit ihren Behörden. Letztlich sind wir darauf angewiesen, dass das Land ausreichend Mittel für Sanierungsmaßnahmen zur Verfügung stellt. Da hinkt nicht nur Baden-Württemberg, sondern die ganze Republik hinterher. Überall gibt es Sanierungsstau. Ich finde wir sind immer noch in einer guten Situation. Wir haben das Gebäude X, welches im nächsten Jahr eröffnet wird. Darin wird es Hörsäle, Seminarräume, aber auch Aufenthalts- und Arbeitsräume für Studierende geben. Und davor gestalten wir die „neue Mitte“, einen neuen Vorplatz, mit Grünflächen und Fahrradparkhaus. Sie sehen, wir bauen immer noch viel und das ist wirklich klasse. Was aber ansteht ist die Sanierungsfrage. Der Bedarf ist groß, die meisten Gebäude stammen aus den 60er, 70er Jahren und die leiden jetzt. Das war in Hildesheim genauso.

Bis 2030 sollen die Grundmittel für Universitäten in Baden-Württemberg jährlich um 3,5 Prozent steigen. Die Landesrektorenkonferenz sowie die Studierendenschaft forderten 6 Prozent.

Sind die 3,5 Prozent zusätzliche Förderung jährlich ausreichend für die Instandhaltung und den täglichen Betrieb der Uni?

Also mehr wäre natürlich immer besser, sage ich mal salopp. Wir müssen sehen, in welchem Umfeld wir uns bewegen. Wenn man jetzt bundesweit guckt, wird überall gespart. Die 3,5 Prozent Steigerung des Landes sind also positiv und ein klares Bekenntnis zu seinen Hochschulen. Ein Teil davon ist allerdings für die möglichen Tarifsteigerungen in den nächsten Jahren vorgesehen. Schon jetzt sind 70 Prozent unserer Ausgaben Personalkosten und das passt auch zu der Struktur unserer Uni. Wir sind eine Universität und deshalb auf gute Köpfe angewiesen. Für uns ist es im Moment schwer absehbar, welche Tarifsteigerungen noch kommen. Sollten die höher ausfallen, haben wir gegebenenfalls Verluste im laufenden Betrieb.

Gleichzeitig sehen wir, dass die Energiekosten wieder steigen. Gerade im Moment, durch die angespannte geopolitische Situation im Iran und in der Ukraine. Das ist ein finanzieller Druck, der auf uns lastet und der nicht voll ausgeglichen wurde. Mehr Geld würde den laufenden Betrieb und die Situation der Hochschulen noch verbessern, auch um die inflationsbedingten Mehrkosten besser ausgleichen zu können. Gleichzeitig muss ich sagen, im bundesweiten Vergleich stehen wir hier in Baden-Württemberg schon gut da.

Bild: Universität Konstanz/Inka Reiter

Gibt es auch Sondermittel, die zusätzlich für den Bau oder für spezielle Projekte am Campus beantragt werden können?

Genau, es gibt den Grundhaushalt, aus dem Personal und Sachmittel bezahlt werden. Eine weitere große Säule sind die Drittmittel, die beispielsweise von der Deutschen Forschungsgemeinschaft kommen. Die gesamte Exzellenzstrategie ist durch Drittmittel finanziert, ebenso die Sonderforschungsbereiche sowie die Spitzenforschungszentren Collective Behaviour und The Politics of Inequality. Die Uni Konstanz ist stark darin, Drittmittel einzuwerben und Forschung voranzutreiben. Davon profitieren letztlich auch die Studierenden, wenn sie in Drittmittelprojekten mitarbeiten können.

Und dann gibt es immer wieder die Möglichkeit, Sondermittel vom Land zu beantragen, für verschiedene Programme. Das tun wir im Moment auch. Derzeit gibt es ein Programm, das heißt „Transformationsstellen“, zur Umgestaltung bestehender Studiengänge, durch die Schaffung neuer Stellen. In letzter Zeit erleben wir leider auch einen leichten Rückgang der Studierendenzahlen, und da stellt sich die Frage, wie wir durch interessante Studiengänge mehr Studierende für die Uni Konstanz gewinnen können. Bislang sind es vier bis fünf Professor:innenstellen, für die wir überlegen, Anträge zu stellen.

Sie waren noch nicht an der Uni Konstanz, da stand bereits fest, dass die Uni den Exzellenzstatus verlieren wird, weil sie die Kriterien nicht erfüllt. Es dürfen sich nur Universitäten mit mindestens zwei Exzellenzclustern bewerben.

Wie haben Ihre Kolleg:innen von anderen Universitäten reagiert?

Ich habe viel Sympathie und Anerkennung für die Uni Konstanz erfahren, für das, was sie geleistet hat. Ich bin in einem guten Austausch mit den Kanzlerinnen und Kanzlern anderer Hochschulen und für viele war das auch erstmal eine Überraschung. Die Uni Konstanz war die einzige kleine Uni, die noch im Wettbewerb war und es immer wieder geschafft hat, sich auch erfolgreich zu positionieren. Die anderen sind große Universitäten oder Universitätsverbünde.

Es ist ärgerlich, dass wir durch den Wegfall des zweiten Exzellenzclusters keinen weiteren Antrag stellen konnten. Und ich denke, die Politik muss sich die Frage stellen, was sie mit dem Programm erreichen möchte. Es kann ja nicht sein, dass sich in dem Wettbewerb nur große Universitäten behaupten können und kleinere, aber forschungsexzellente Universitäten es schwer haben. Eine Statistik fand ich besonders eindringlich. In Konstanz arbeiten besonders viele Professorinnen und Professoren an der Exzellenzstrategie mit, mehr als an allen anderen Exzellenzuniversitäten. Und das Interesse ist weiterhin groß, habe ich den Eindruck.

Der Kanzler im Gespräch mit Campuls, Bild: Alex Hidalgo

Ein Cluster hat es ja auch geschafft und wurde verlängert!

Genau, und das ist super! Wir sind stolz und dankbar für die herausragende Arbeit des gesamten Teams des erfolgreichen Clusters The Politics of Inequality. Dem Cluster ist es gelungen, die Spitzenforschung zu einem der gesellschaftlich relevantesten Themen zu bestätigen und erfolgreich weiterzuentwickeln. Es ist eben ein Wettbewerb, und da fällt man auch mal raus. Der Forschungsbereich Collective Behavior betreibt weiterhin hervorragende Forschung, auch wenn er die Exzellenzförderung verloren hat. Genauso übrigens andere Forschungsbereiche, die keine Exzellenzförderung erhalten.

Sie hatten in einem Interview gesagt, dass Wissenschaftsmanagement nicht zum Selbstzweck betrieben werden solle, sondern mit dem Zweck, optimale Konditionen für die Forschung bereitzustellen. Gleiches könnte man auch über die Verwaltung sagen. Welche Möglichkeiten hat die Verwaltung da?

Zwischen Verwaltung und Wissenschaftsmanagement sollten wir die Trennung nicht so weit aufmachen. Wissenschaftsmanagement ist über die Jahre übergreifender geworden. Und auch die Verwaltung ist nicht so, wie sie vor 30 Jahren angelegt war. Natürlich ist es die Aufgabe der Verwaltung und des Wissenschaftsmanagements, Rahmenbedingungen zu schaffen, sodass Wissenschaft, Forschung und Lehre bestmöglich arbeiten können. Wir erleben tagtäglich, dass die Vorstellungen auch manchmal auseinander gehen. Es gibt einfach rechtliche Vorgaben, an die wir, die Univerwaltung, gebunden sind. Und andererseits gibt es den Wunsch nach großen Freiräumen auf Seiten der Wissenschaft, was auch nachvollziehbar ist. Da ist ein stetiger Austausch notwendig, um hier für Verständnis auf beiden Seiten zu sorgen.

Ich bin im engen Kontakt mit der Verwaltung und mit den Abteilungsleitungen und Führungskräften, um zu schauen, wo wir Prozesse vereinfachen können. Auch hier erlebe ich einen sehr offenen und engagierten Austausch. Alle sind sehr interessiert daran, für die Wissenschaft zu arbeiten, und bringen eine hohe Motivation mit.

Sie sind jetzt schon etwas länger als 100 Tage im Amt. Hatten Sie schon Zeit, sich auf dem Campus umzugucken, und haben Sie einen Lieblingsort am Campus?

Tatsächlich das Foyer im A-Gebäude. Ich finde das Foyer spiegelt genau den Geist der Uni wider. Wie häufig ich da jetzt schon beim Kaffee oder auf dem Weg zur Mensa andere Kolleginnen und Kollegen getroffen habe, wo man mal eben ein, zwei Worte gewechselt hat und sich austauschen konnte. Das ist für mich das Tolle. Da kreuzen sich die Wege, da kommt man zusammen, da trifft man sich. Und wenn ich auf neuen Wegen unterwegs bin, freue ich mich immer, wenn ich es ins A-Gebäude geschafft habe. Von dort weiß ich dann, wie ich wieder zurückkomme.

Konnten Sie auch schon die Vorzüge der Bodenseeregion genießen?

Ja, meine Familie und ich genießen es sehr. Konstanz ist wirklich eine schöne Stadt und die Region ist wirklich traumhaft. Es gibt hier sehr schöne Ecken zum Laufen und Wandern. Mal schauen, was wir auch an Wassersport machen. Auch an dem Ausblick aus meinem Büro kann ich mich nicht satt sehen. Ich habe in meiner Antrittsrede davon gesprochen, es würde immer heißen, dass es hier in Konstanz so viel Nebel gäbe. Und ich meinte, ich hätte noch keinen Nebel erlebt. Das war Ende November. Kaum habe ich angefangen am 1. Dezember, da kam der Nebel auf. Jetzt freue ich mich, dass der Frühling da ist und wir mit der Familie Ausflüge am Bodensee entlang oder in die Schweiz machen können. Mein Sohn freut sich darauf, dann endlich in den See springen zu können, wenn das Wasser wärmer ist.

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