„Das Bewusstsein steigt, dass wir uns auf einem Markt befinden, auf der Weg nicht mehr automatisch zur Universität, und nicht mehr automatisch nach Konstanz führt“, sagt Eva Wiebel vom Referat für Lehre an der Universität Konstanz. Den Trend zu weniger Einschreibungen an der Universität bekommen vermehrt Fachbereiche auf dem „Uniberg“ zu spüren – und greifen zu verschiedenen Lösungsansätzen, um die Zahlen ihrer Studienbeginner:innen zu stabilisieren. Während einige auf verstärktes Marketing setzen, tüfteln andere an der Struktur der Bachelor- oder Masterstudiengänge. Doch das ist leichter gesagt als getan, wie die Fachbereiche Rechts- und Politik- und Verwaltungswissenschaft erzählen.
Rückläufig waren die Bewerber:innenzahlen an der gesamten Universität bereits seit der Corona-Pandemie. So sei 2021 die Idee aufgekommen, diesem Trend mit einer Studiengangsreform entgegenzuwirken, erklärt Dr. Anna Vollert: „Wir haben den Studiengang nicht komplett umgekrempelt: Wir haben darauf aufgebaut, was schon gut lief, und zusätzliche Anpassungen getroffen.“ Als Mitglied des Prüfungsausschusses für den Bachelor-Studiengang und Fachstudienberaterin hat sie den Prozess drei Jahre lang begleitet. Das Ergebnis: Eine neue Prüfungsordnung für einen Bachelor-Studiengang mit dem jetzt dreiteiligen Namen „Politik – Verwaltung – Management“. Der bietet jetzt mehr Freiheit im Wahlbereich, eine verbesserte Modulstruktur und kompaktere Vorlesungen, wo es nötig war. So wurde etwa die Vorlesung „Haushalt und Finanzen“ durch „Multilevel Public Administration ersetzt“. Management sei – anders, als es die Namensänderung vermuten lässt – nicht neu hinzugekommen. „Die Management-Komponente gab es im Studium schon immer, nur war sie nicht im Titel verankert“, so Vollert.
Dass sich die Reform gelohnt hat, zeigen aktuelle Zahlen deutlich: Lagen die Einschreibungen im Jahr 2023 noch bei 133, waren es 2025 – ein Jahr nach Einführung der neuen Prüfungsordnung – schon 192. „Der Studiengang ist überbucht“, sagt Vollert dazu sichtlich erfreut. Das sei zum einen auf die reformierte Prüfungsordnung zurückzuführen, zum anderen aber auch auf umfangreiche Marketingmaßnahmen wie einen neuen Imagefilm und einen attraktiveren Instagram- und Webauftritt.
Dass hinter so einer grundlegenden Reform viel Arbeit steckt, weiß Eva Wiebel. Das Referat für Lehre gehört zur Abteilung Studium und Lehre und berät Fachbereiche wie Politik- und Verwaltungswissenschaft, die ihre Studiengänge weiterentwickeln wollen. Der Weg zur fertigen Prüfungsordnung ist lang. „Die Initiative kommt in aller Regel aus dem Fach. Die Entwürfe sind dann oft schon weit fortgeschritten, brauchen aber noch eine Prüfungsordnung, eine Zulassungssatzung und ein Studiengangskonzept, damit sie akkreditiert werden können. Dann gehen sie auf den Gremienweg“, erklärt Wiebel. „Wir sind da Mittler zum Prorektor. Da sind aber auch das Justiziariat, die Abbildung in Zeus und im Prüfungsmanagement, die Stabsstelle Controlling und andere beteiligt.“ Trotzdem sei Konstanz dabei schneller als viele andere Universitäten: Hier auf dem Campus werde vieles persönlich auf dem kurzen Weg geklärt.

Auch innerhalb des Fachbereichs Politik- und Verwaltungswissenschaft ist die Liste der am Reformprozess Beteiligten lang. „Es war uns sehr wichtig, dass der Reformprozess integrativ verläuft und die Vertreter von verschiedenen Statusgruppen beteiligt sind“, betont Vollert. Die Statusgruppen, das sind Forschungs- und Lehrgruppen, die Studierenden und die Administration. Sie alle haben Vertreter in die eigens gegründete „AG Bachelor“ geschickt, um ihre Interessen zu vertreten. „Man merkt, dass hier mit Absicht gearbeitet wurde“, bewerten die beiden Fachschaftssprecher:innen Vincent Raißle und Pia Rümmelin die Reform. Sie beide haben das Studium 2024, im ersten Jahr der neuen Prüfungsreform, aufgenommen. „Die Richtung stimmt, aber es braucht mehr Transparenz und an einigen Stellen noch Mut zur Flexibilität. Inhaltliche Wiederholungen zwischen verschiedenen Veranstaltungen fallen auf und kosten wertvolle Zeit. Gerade der Übergang zwischen den Semestern war für viele unübersichtlich. Ein konkretes Beispiel sind die Jura-Wahlfächer, bei denen sich viele Studierende spürbar schwer getan haben, die richtigen Informationen zur richtigen Zeit zu bekommen.“
Mut zur Flexibilität trifft wohl auch gut auf die Anfänge der Neuerungen am Fachbereich Rechtswissenschaft im Jahr 2022 zu. „Es hat viel Überzeugungsarbeit gebraucht“, erinnert sich Fachbereichsreferent Daniel Werner an die ersten Diskussionen über die Idee, nach dem Vorbild anderer Jura-Fakultäten bundesweit einen Bachelor of Laws in Konstanz auf den Weg zu bringen. „Wir hatten bei der Einführung zwei Erwägungsgründe: Zum einen ist der psychische Druck innerhalb des Studiums sehr hoch, weil alles von einer Abschlussprüfung abhängig ist“, so Werner. Zum anderen habe man die Inhalte des Studiums greifbarer machen wollen. Wer sich gegen das Staatsexamen entscheidet, kann mit den Studienleistungen, die schon im Rahmen des herkömmlichen Jurastudiums in Konstanz erbracht worden sind, mit dem Bachelor of Laws „Deutsches Recht“ abschließen.
Dem lag zu Beginn noch ein großer Stein im Weg: Denn die Einführung des Bachelors erforderte eine Genehmigung aus dem Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst des Landes Baden-Württemberg. Von dem gab es allerdings lange keine Rückmeldung. „Dann kam plötzlich ein Anruf“, erzählt Werner. Die Regierungsfraktionen hätten sich auf eine Gesetzesänderung geeinigt, um den Bachelor of Laws zu ermöglichen. „Nach zwei Wochen war die Genehmigung da. Das war von jetzt auf gleich.“ Ein kleiner Stimmungshemmer am Fachbereich für Rechtswissenschaften ist eine neue Gesetzesänderung, die es den übrigen drei Jura-Fakultäten des Landes in Freiburg, Heidelberg und Tübingen seit Ende des letzten Jahres erlaubt, den Doppelabschluss mit geringerem Aufwand anzubieten. Denn hierfür gibt es kein einheitliches Konzept, stattdessen heißt es auf der Website des Landes, Fakultäten „könnten das für sie passende Modell entsprechend ihrer bestehenden universitären Strukturen und Besonderheiten wählen.“ Somit wird der integrierte Bachelor of Laws in Zukunft wohl kein Alleinstellungsmerkmal der Universität Konstanz in Baden-Württemberg bleiben.
Bei den Studierenden kommt er allerdings schon jetzt gut an: 95 Prozent der Bestandsstudierenden, die sich in den Bachelor einschreiben durften, hätten das laut Werner auch gemacht. Denn während Studienbeginner:innen automatisch für den Bachelor eingeschrieben sind, hatten Bestandsstudierende nachträglich die Möglichkeit. Er hebt hier die internationalen Karrieremöglichkeiten, gerade im Grenzgebiet zur Schweiz, hervor: „Je mehr wir an zu alten Strukturen, die nur auf einen Markt ausgerichtet sind, festhalten, desto mehr verbauen wir unseren Absolventen die Zukunft.“ Integrierte Bachelor-Studiengänge ermöglichen deutschlandweit gerade immer mehr Bundesländer, nur Bayern lehnt das Konzept grundsätzlich ab. „Langfristig wird sich die Strukturfrage vermutlich an der Arbeitsmarktlage entscheiden“, findet Werner. „Wenn die Justiz weiter ihre Aufgaben decken will, wird sie sich früher oder später vermutlich öffnen für Bachelor- und Masterabsolventen.“
Die Fachbereiche Politik- und Verwaltungswissenschaft und Rechtswissenschaft sind bei weitem nicht die Einzigen an der Universität Konstanz, die Studierende zukunftsfähig machen wollen. Im Referat für Lehre treffen viele innovative Ideen aufeinander: „Im Rahmen des Lehrarchitekturprojekts soll eine Zukunftsstrategie für die Lehre entworfen werden, mit der Future Skills wie KI- und Nachhaltigkeitskompetenzen in den Studiengängen stärker vermittelt werden“, erklärt Wiebel. Gleichzeitig gibt es neue Teilzeitmöglichkeiten, ein größeres englischsprachiges Angebot an Masterstudiengängen und das neue Orientierungsstudium Go MINT. Auch im Lehramt steht ein Erweiterungsfach in den Startlöchern: Naturwissenschaft und Technik soll gemeinsam mit der HTWG angeboten werden.
Was Eva Wiebel noch am Herzen liegt: „Ganz viel von dem, was es in den letzten Jahren an Veränderungen gab, ist von Studierenden initiiert worden. Es braucht die studentische Stimme, und sie könnte stärker sein.“ Studentische Vertreter:innen würden auf dem Gremienweg an vielen Stellen gebraucht. Entwicklungen wie die Verbreitung von künstlicher Intelligenz halten die Universität auf Trab. Der Fachbereich Politik- und Verwaltungswissenschaft mit seiner erst zwei Jahre alten Reform hat bereits eine neue Arbeitsgemeinschaft zu KI ins Leben gerufen. Möglicherweise wird eine Änderung der Prüfungsordnung schon bald erneut nötig sein – und dabei bleibt die Perspektive der Studierenden entscheidend.














