„Sind wir nicht alle nur Fragmente?“

Vor dem K9 reihen sich unzählige Fahrräder aneinander. Hinter den Türen begeistert die Tanzgruppe der Uni mit ihrem neusten Stück „Fragments“; die letzten Tickets an der Abendkasse sind innerhalb weniger Minuten ausverkauft. Der Saal ist voll besetzt, vor allem mit Studierenden, aber auch andere Altersgruppen sind vertreten. Die Kulisse ist schlicht gehalten. Vor dem Hintergrund eines schwarzen Vorhangs kann sich das Publikum voll und ganz auf die Darbietung konzentrieren.

Vor dem K9 reihen sich unzählige Fahrräder aneinander. Hinter den Türen begeistert die Tanzgruppe der Uni mit ihrem neusten Stück „Fragments“; die letzten Tickets an der Abendkasse sind innerhalb weniger Minuten ausverkauft. Der Saal ist voll besetzt, vor allem mit Studierenden, aber auch andere Altersgruppen sind vertreten. Die Kulisse ist schlicht gehalten. Vor dem Hintergrund eines schwarzen Vorhangs kann sich das Publikum voll und ganz auf die Darbietung konzentrieren.

Unter der Leitung von Hannah Hofmann wartet das Stück dabei mit einem großen Thema auf: Insgesamt machen 25 Tänzer:innen, die abwechselnd in zwei Besetzungen auftreten, mit Fragments auf die Unterdrückung und Objektivierung von Frauen in der von Männern dominierten Gesellschaft aufmerksam. 
Dabei greift die Inszenierung den berühmten Satz der Philosophin und Feministin Simone de Beauvoir: „Man wird nicht als Frau geboren, man wird zur Frau gemacht.“ Sie hinterfragt kritisch, was passiert, wenn man diese von äußeren Einflüssen geprägten Verhaltensweisen ablegt. Erziehung, Sprache, Erwartungen und Sanktionen der Gesellschaft führen demnach zum Rollenbild der Frau als Objekt. Dabei unterliegt das System einer Doppellogik: einerseits wird Weiblichkeit begehrt und sogar eingefordert, andererseits nicht respektiert. Was passiert nun, wenn jemand aus der Rolle ausbricht? 

Foto: Simon Scheeder

Der erste Akt ist rational gehalten. Eine männlich erscheinende Person in weiblicher Kleidung wird von Darsteller:innen in weißen Hemden  angemacht: Sie lecken sich die Lippen, pfeifen und johlen laut. Für ihr Opfer gibt es kein Entkommen: Wohin es sich auch wendet, überall versperrt man ihm den Weg, es hagelt neue anzügliche Kommentare. Der Akt stellt die Frage: Was ist typisch weiblich, was typisch männlich und wie reagiert die Gesellschaft darauf? Stereotype „Weiblichkeit“ wird begehrt, sogar eingefordert, aber nur so lange sie von Frauen gezeigt wird. Die Darsteller:innen haken nach: Dürfen Männer denn nicht auch weinen? Schadet das Patriarchat durch diese Beschränkungen nicht letztlich jedem? 

Der zweite Akt hingegen soll dem Publikum Emotionen vermitteln. Der Fokus verlagert sich nun auf die Situation von Frauen, die sich mit Benachteiligungen in allen Lebensbereichen konfrontiert sehen. Eines der geläufigsten Beispiele ist wohl der Gender Pay Gap. Diese Verdienstlücke sei aber nicht das einzige Defizit, dem sich Frauen und queere Menschen ausgesetzt sehen, so die Tänzer:innen. Die Bandbreite reiche vom Gender Care Gap, also unbezahlter Sorgearbeit, bis zum Gender Health Gap, der beschreibt inwiefern Symptome und Verlauf von Krankheiten in Bezug auf männliche Körper besser erforscht seien. Ihrer Wut angesichts dieser Ungerechtigkeiten verleihen die Darsteller:innen Ausdruck: Sie sprechen das Publikum direkt an, halten Augenkontakt und klingen entschlossen, sich das nicht mehr länger gefallen zu lassen. 

Das Stück vermischt bewusst Geschlechterrollen, um gängige Erwartungen aufzubrechen. In diesem Sinne sind auch die Kostüme gestaltet. Weiße Oversized-Hemden lassen sich als männliche Erwartungen interpretieren, denen Frauen nie gerecht werden. Darüber tragen die Tänzer:innen später teils rote Korsagen, teils rote Bänder. Letztere stellen Zwangsjacken dar, aus denen sich die Darsteller:innen gegenseitig befreien. Darin lasse sich die Lossagung der Frau von besagten männlichen Erwartungen lesen, so Hannah Hofmann. 

Foto: Simon Scheeder

Insgesamt musste die Autorin sich beim Schreiben des Stücks akribisch vorbereiten. Bücher, Podcasts und Artikel schlagen sich in Dialogen, Tanz, aber auch in der Musikwahl nieder. Diese reicht von Filmmusik über Pop bis hin zu Opernmusik. Es zeigt sich: Auch hier sind patriarchale Strukturen präsent. So erklingt beispielsweise „Labour“ von Paris Paloma, das von emotionaler und körperlicher Ausbeutung von Frauen in Beziehungen handelt.
Auch wenn sie das Stück selbst geschrieben hat, betont Hannah, dass es von allen Akteur:innen gemeinsam weiterentwickelt wurde. „Es war ein Prozess, den wir mitbegleiten durften“, so Tänzerin Maxi. Alle konnten ihre Ideen bezüglich der Tanzschritte oder Redebeiträge einbringen.

Wichtig sei es Hannah gewesen, als Gruppe zusammenzuwachsen und einen Safe Space zu kreieren, in dem sich alle wohlfühlen können. In der kurzen Vorbereitungszeit von viereinhalb Wochen mussten die Tänzer:innen dabei lernen, ihre anfängliche Zurückhaltung abzulegen und Emotionen offen zu zeigen: „Am Anfang waren wir schon schüchterner, aber da wächst man mit der Zeit rein“, erinnert sich Maxi. Schnell ist die Gruppe zu einer Einheit geworden, die den Dialog sucht. Beispielsweise gibt es für alle Tänzer:innen ein kleines Glas, in das die anderen Zettel mit positiven Nachrichten und Rückmeldungen werfen können. 
Dieser Zusammenhalt zeigte sich auch auf der Bühne. So haben die Tänzer:innen bei der Dernière, der letzten Aufführung, Hannah einen Streich gespielt, indem sie Tanzschritte dazu erfunden haben. Diese konnte darüber lachen und bedankte sich bei der tollen Gruppe.

Foto: Simon Scheeder

Das Stück wolle dem Publikum eine Haltung vermitteln, so Hannah. Vor allem sei ihr wichtig, dass Emotionen entstehen, sowohl bei den Tänzer:innen als auch im Publikum. Solange die Zuschauer:innen emotional berührt seien, gingen kleine Fehler unter und es „fällt dann gar nicht mehr auf, ob das Bein gestreckt ist“. Ziel sei es demnach, die eigene Internalisierung zu hinterfragen. „Fragments“ wolle zum „Menschsein“ aufrufen – losgelöst von äußeren Zuschreibungen. Das gelingt der Gruppe auch: Bereits in der Pause wird unter den Zuschauer:innen die ein oder andere Träne verdrückt. Seine Gedanken und Anmerkungen kann das Publikum auch in einer Feedback Box hinterlassen, die am Ausgang aufgestellt ist. Die Resonanz fällt sehr positiv aus, es ist von Ergriffenheit und Begeisterung die Rede. „Mit Leichtigkeit wurde einem bewusst gemacht, welch weiten Weg wir als Gesellschaft noch zu gehen haben“, ist nur eine von vielen Stimmen aus dem Publikum. 

Mit „Fragments“ behandelt die Gruppe nicht nur ein aktuelles, sondern vielmehr ein schon immer präsentes Thema.
Für alle, die es nicht zu einer Vorstellung geschafft haben, bleibt zu hoffen, dass das Stück ein weiteres Mal aufgeführt wird – eine Zusatzshow ist angedacht, wie Hannah Hofmann verrät.

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