Eierlikörbällchen als moralischer Spiegel: Im Zeichen des Pseudomoralismus

Miguel Helm schreibt in seinem Artikel „Die Bio-Avokado als Frage der Moral“ über unsere Zeit als eine Zeit des Hypermoralismus. Bei mir waren es in diesem Fall nicht Bio-Avocados, sondern ein paar Eierlikörbällchen, die mich dazu brachten, Moralvorstellungen zu hinterfragen.

Ich habe Semesterferien und tue, was Studentin eben in Semesterferien tut: saufen. Beim Highfield Festival bei Leipzig. Ich stürze mich in das bunte Konfetti-Alkohol-Dosenravioli-Meer und lasse mich tragen von den Wellen des Deutschrap. Alles ist egal, ein mir unbekannter Kevin hat von seinen Freunden ein Schild um den Hals gebunden bekommen, auf dem steht: “Sex gegen 4,99€”. Ich habe kein Interesse, zwei Zelte weiter sind die Preise nämlich besser. Ich bin mit meinen Leuten auf dem Weg zum Penny, der in diesem Jahr inmitten des Geländes thront, nur darauf wartend alle hungrigen Besucher und Besucherinnen mit gesunden Nahrungsmitteln zu versorgen. Jedes Mal wenn ich dort einkaufe, lachen mich an der Kasse Eierlikörbällchen an – eine Süßigkeit, von der ich nie gedacht habe, dass ich sie mal so begehre wie bei diesem Penny.

Kühltruhenweise Fleisch und Grillwürstchen gibt es hier. Manchmal bereue ich es, vegetarisch zu essen. Zum Beispiel jetzt, wo ich mir die in Speck gerollten kleinen Würstchen anschaue. Stattdessen greife ich zum Grillkäse, eingepackt in eine Pappe und dann noch eine Plastikfolie.

Zu viel Plastik ist ja eigentlich nicht so gut, aber naja, gerade habe ich leider keine Alternative.

Wir wollen grillen. Zwar haben wir keinen Grill, aber viele andere auch nicht. Die kaufen sich dann einen für zehn Euro bei Penny und werfen ihn danach nur weg. Wir sind zuversichtlich, dass uns jemand einen Grill leihen wird, wenn wir ihn dafür dann auch entsorgen. Unseren Müllpfand bekommen wir sowieso nur zurück, wenn wir pro Nase eine volle Mülltüte haben. Da kommt so ein Grill gerade Recht. Der nimmt viel Platz in der Tüte weg, sodass man dann nicht mehr so viel anderen Müll zusammen sammeln muss. Es gibt Duschen mit warmem Wasser und Klos mit Spülung. Ich bin sehr glücklich. Im letzten Jahr beim Dockville Festival hatte ich so meine Auseinandersetzungen mit den Dixis. Ich fühle mich wohl auf diesem Festival zwischen all den gutgelaunten tanzenden Menschen, denen man anmerkt, dass sie sich gerade einfach eine Auszeit nehmen. Leben, wie sie im Alltag niemals leben könnten, mal die Sau raus lassen mit der ersten Runde Bierball um 12 Uhr mittags und dauerhaft besoffen, so tun als würden sie am Montag nicht wieder zur Arbeit müssen. Sich nicht immer unter Kontrolle haben. Drei Tage eskalieren, dann alles stehen, liegen und hinter sich lassen. Einfach mal den Kopf ausschalten.

“Ich habe das Gefühl, meinen eigenen Müll zu essen, als ich in ein Eierlikörbällchen beiße”

Es ist Montag und ich zähle glücklicherweise nicht zu den Menschen, die arbeiten gehen müssen. Stattdessen flaniere ich weiter in meinen Semesterferien und fahre vom Festival aus direkt zur Und-Jetzt-Konferenz nach Harzgerode in Sachsen-Anhalt. Das ist eine jährlich stattfindende Konferenz, die ursprünglich organisiert wurde für Menschen, die einen Freiwilligendienst gemacht haben und sich die Frage stellen, wie sie jetzt zurück in Deutschland die Welt weiter verbessern können – die “Ein Jahr Welt verbessert, und jetzt?”-Konferenz sozusagen. Die Konferenz wurde dann aber geöffnet für alle Menschen, die die Welt verbessern und ihre Utopien ausleben wollen. Ich fühle mich eingeladen.

Welt verbessern, nachhaltig leben, voll mein Ding.

Ich bin also dort, dusche mich unter der Solardusche, aus der nur eiskaltes Wasser kommt, weil die Sonne nicht scheint, gehe auf das Kompostklo, in das man nicht pinkeln darf, weil Flüssigkeit nicht gut für den Kompost ist – als Toilette zum Pinkeln dient der Wald – esse veganes Essen (alles dort ist vegan), bei dem ich mir meinen Löffel mit drei anderen Leuten teile, um Abwasch zu sparen und fühle mich supertoll. Wie eine echte Weltverbesserin eben in meiner Blase aus Quinoa, Chia, Polenta und Amaranth. Als ich am Mittwoch zum Essen komme, bekommt meine Blase plötzlich einen kleinen Riss. Etwas ist anders. An einem der beiden Buffet-Tische klebt ein Schild: „Nicht-vegetarisch“. Ich bin ganz perplex. Nicht nur nicht vegan, sondern sogar nicht vegetarisch? Ich kann mir wirklich nicht vorstellen, was das für komisches Essen sein soll. Ich gehe näher ran und frage mich die ganze Zeit, woher mir diese Pennytüten nur so bekannt vorkommen. Auf dem Buffet türmen sich Grillfleisch, Bouletten und in Speck eingerollte Grillwürstchen.

Wir weltverbessernden Menschen retten natürlich auch Lebensmittel über Foodsharing.

Und so auch die Lebensmittel vom Highfield Festival. Ich habe das Gefühl, meinen eigenen Müll zu essen, als ich in ein Eierlikörbällchen beiße. Besser den Kopf einfach ausgeschaltet lassen?

„Woher kommt die Moral, wenn sie nicht vom Himmel fällt und nicht aus den Köpfen autoritärer Herrscher stammt?“ fragt Miguel Helm in seinem Artikel „Die Bio-Avokado als Frage der Moral“. Er beschreibt, dass Religion und Ideologie in der heutigen Zeit ihre Rolle als normativen Überbau verloren haben. An ihre Stelle trete die Moral. Sie sei von keiner Religion abgeleitet, sondern komme aus einem selbst. Dadurch wird sie zur unhinterfragbaren Prämisse und ermöglicht gleichermaßen das erstrebenswerte selbstbestimmte Leben, das alle führen wollen.

“Oettinger Bier aber Bio-Soja?”

Ich fühle mich etwas geschmeichelt. Bin ich wirklich so ausgefuchst, wie Miguel behauptet, und suche mir die Moral bewusst in Bereichen, die nicht im Verdacht stehen, mir etwas vorzuschreiben? Mit dem Ergebnis, dass ich mich dann frei und moralisch zugleich fühlen kann?

Neulich habe ich einem Freund mein Herz darüber ausgeschüttet, dass der Professor, für den ich arbeite, von mir möchte, dass ich 200 Seiten Text für seinen eigenen Lesebedarf einseitig ausdrucke. Der Teil in mir, der im Dönerladen sagt: „Ein Döner zum Mitnehmen bitte, aber die Plastiktüte brauche ich nicht!“ weint, glaubt aber seinen Kompetenzbereich überschritten, wenn er sich weigert den Druck auszuführen, solange er nicht doppelseitig sein darf. Der Freund guckt mich achselzuckend an und sagt: „Ist doch nicht so schlimm, druckst du es halt aus. Was du machst ist doch sowieso egal und ändert nichts.“ Und zack, ein stechender Schmerz: Ich spüre den Dolch in meiner Brust, der mir verheißt, dass ich so eben meiner Ideale und meiner Identität beraubt wurde. Ich denke an all die To-Go-Becher, die ich nicht benutzt, die Zeitungen, die ich zum Mülltüten und Geschenkpapier basteln recycled, das CO2, das ich durch mein ständiges Fahrradfahren gespart habe, und weiß, ich muss mich daran festhalten, dass es nicht egal ist, dass wir die Welt noch retten können. Sonst habe ich das Gefühl, nur sinnlos vor mich hin zu vegetieren.

Vielleicht bin ich eine hoffnungslos naive Idealistin.

Aber woher kommt meine Ideologie? Woher kommt Ideologie allgemein? Die Bereitschaft in Nachhaltigkeit zu investieren, während an anderen Stellen gespart wird vielleicht daher, dass es uns heute in der Gegenwart gut genug geht, sodass uns noch Kapazitäten bleiben, um auch an die Zukunft zu denken? In seinem Artikel wählt Miguel als Beispiele für das hypermoralische Handeln Bio-Avocado und teure Sojamilch vom Alnatura, die sich Studierende leisten, während sonst jeder Cent umgedreht wird – Oettinger Bier aber Bio-Soja? In meinen Augen wird hier ein anderes Problem deutlich als das des Hypermoralismus. Avocados und Soja sind beide böse – sie kommen von sehr weit weg und verbrauchen einen Haufen Wasser bei Anbau und Transport – egal wie Bio, fair und teuer. Fühlt sich aber gut und moralisch richtig an, Bio zu kaufen.

“Hypermoralismus, weil nicht von einer Religion abgeleitet, sich selbst auferlegt und daher nicht hinterfragbar?”

Das Problem, das ich bei mir durch meine freie Wahl dessen, was moralisch ist, viel eher beobachte, ist die mangelnde Autorität, die ich mir selbst gegenüber habe. Ich höre leider nur auf mich, wenn es mir in den Kram passt. Es stimmt, niemand schreibt mir vor, ob und wie ich nachhaltig zu leben habe – mal abgesehen von der Tatsache, dass ich jetzt an deutschen Supermarktkassen keine Plastiktüten mehr kaufen kann. Ich habe es selbst in der Hand, ob ich mich geißeln will bei der Entscheidung zwischen der in Plastik eingeschweißten Bio-Gurke aus Spanien und der nicht in Plastik eingeschweißten Nicht-Bio-Gurke aus den Niederlanden, niemand macht mir Vorschriften. Hypermoralismus, weil nicht von einer Religion abgeleitet, sich selbst auferlegt und daher nicht hinterfragbar?

Selbst auferlegt und dadurch von sich selbst hinterfragbar. Aber sich und seine Moral zu reflektieren ist natürlich anstrengend.

Zwei Herzen schlagen in meiner Brust. Das eine, das dieses Jahr lieber Weihnachtsgeschenke aus recycleten Materialien selber basteln, statt Sachen kaufen will und auf der Und-Jetzt-Konferenz selig mit eiskaltem Wasser duscht. Das andere, das minutenlange Jammer-Sprachnachrichten an alle bekannten und unbekannten Menschen verschickt, weil der Heißwasserboiler in der WG seit einem Tag kaputt ist, es zum Duschen also kein heißes Wasser gibt und das auf dem Highfield-Festival den Konsum in seiner exzessivsten Form unterstützt. Niemand schreibt mir etwas vor außer ich selbst.

Ich kaufe die teure Bio-Avocado und esse auf der
Und-Jetzt -Konferenz meinen eigenen Müll. Zwei Herzen schlagen in meiner Brust.

Sie fühlen sich wohl, wenn ich sie in ihr jeweiliges Umfeld entlasse, sie sich austoben können auf einem Festival oder einer nachhaltigen Konferenz. Welches meiner Herzen siegt im Alltag? In jedem Fall fühle ich mich nicht hyper-, sondern eher pseudomoralisch. Einfach mal den Kopf anschalten und hinterfragen.

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