2021: Jahresrückblick – Dümmer geht immer

So sehr wir froh waren als 2020 vorbei war, so sorgenvoll blickten wir vor einem Jahr in die Zukunft. Deshalb nimmt euch unsere Redakteurin Jamie-Lee das zweite Mal in Folge mit auf eine Reise durch das vergangene Jahr 2021.

2021 geht zur Neige und mit diesem Jahr auch unsere eigene Puste. Denn habe ich beim Jahresrückblick 2020 noch geschrieben, dass jenes Jahr als eines der

„ereignisreichsten und vielleicht auch schlimmsten Jahre“

Jamie-Lee Merkert, Ein Jahresrückblick: War 2020 wirklich so ein schlimmes Jahr? – campuls.online

in die Geschichte eingehen könnte, fühlt sich 2021 nicht an wie ein eigenständiges Jahr sondern nur wie eine schlechte Fortsetzung: Man könnte dazu auch sagen „Zweitausendzwanzig 2.0“. Alles was auf 2020 zutraf, kann man dieses Jahr wieder genauso anwenden: „Europa ist zutiefst zerstritten, die Gesellschaft bringt Demonstrationen und Unruhen hervor, der globale Zusammenhalt bricht zunehmend auseinander und eine tödliche Viruserkrankung erstreckt sich als Pandemie über die ganze Welt.“

Ein kleiner Ausschnitt des Weltgeschehens 2021

  • 4. Januar: Saudi-Arabien hebt seine Blockade gegen Katar auf. Damit endet die seit 2017 bestehende Katar-Krise.
  • 5. Januar: Der Bund verlängert den Lockdown.
  • 6. Januar: wütende Anhänger:innen des zu diesem Zeitpunkt noch amtierenden Präsidenten Donald Trump stürmen das Kapitol in der US-Hauptstadt Washington. Daraufhin wird Trump von sämtlichen sozialen Medien dauerhaft gebannt.
  • 7. Januar: Jeff Bezoz wird zum reichsten Menschen erklärt – dies führt zu Bewunderung aber auch zu vielen kleinen Boykottversuchen nichts mehr bei Amazon zu kaufen.
  • 13. Januar: Das zweite Amtsenthebungsverfahren gegen Trump wird aufgrund des Mehrheitsvotum stattfinden.
  • 20. Januar: Der Demokrat Joe Biden wird als 46. Präsident der USA vereidigt und Kamala Harris wird als erste Frau Vizepräsidentin.
  • 1. Februar: Bei dem Militärputsch in Myanmar wird die Regierungschefin Aun San Suu Kyi festgenommen. Die vereinten Nationen und Menschenrechtsorganisationen verurteilen den Putsch auf schärfste.
  • 13. Februar: Trump wird im Amtsenthebungsverfahren knapp freigesprochen.
  • 7. März: Ein brisantes Fernsehinterview bei Oprah Winfrey mit Prinz Harry und Herzogin Meghan bringen das britische Königshaus in Verruf.
  • 30. März: Das Hin- und Her der Impfstoffe kommt zu dem zwischenzeitlichen Ergebnis, dass der Impfstoff Astrazeneca nur noch Personen über 60 Jahre geimpft werden sollte.
  • 21. April: Ein Jahr nach der Tötung von George Floyd wird der Ex-Polizist Derek Chavin in allen Anklagepunkten schuldig gesprochen.
  • 3. Juli: Wattestäbchen, Einweggeschirr, Trinkhalme, Rührstäbchen und Luftballonstäbe aus Kunststoff, Fast-Food-Verpackungen aus Styropor und To-Go-Getränkebecher dürfen nicht mehr produziert werden.
  • 11. Juli: Italien wird Fußball-Europameister. Die randvoll mit Fans gefüllten Stadien haben die Gesellschaft einmal mehr gespalten.
  • 14. und 15. Juli: Wegen starker Regenfälle kommt es in vielen Teilen Deutschlands, besonders in NRW, zu Überschwemmungen. Allein in Deutschland gab es über 180 Todesopfer.
  • Juli/August: Waldbrände auf der ganzen Welt, unter anderem in Südeuropa, der Türkei und in Kalifornien halten bis August an.  müssen bekämpft werden – teilweise mit wenig Erfolg.
  • 23. Juli bis 8. August: Die Olympischen Sommerspiele finden mit einem Jahr Verspätung in Tokio statt.
  • 15. August: Die Taliban erobern die afghanische Hauptstadt Kabul. Das verbündete Militär anderer Länder flieht oder ist davor schon abgezogen worden. Seitdem gilt dort die Sharia. Viele Menschen, besonders Frauen, werden seitdem unterdrückt und müssen um ihr Leben fürchten. Es kommt seither besonders für Frauen zu einem Verlust der Bildungsmöglichkeiten und alles was in den vergangenen 20 Jahren aufgebaut worden ist, wird nun zu Nichte gemacht.
  • 31. Oktober: Die UN-Klimakonferenz findet in Glasgow statt. Paradox: Viele reisen mit Privatjets an.
  • 8. Dezember: Der SPD-Politiker Olaf Scholz wird mit seinem Kabinett als Bundeskanzler vereidigt. Zuvor war die SPD bei der Bundestagswahl stärkste Fraktion geworden und hatte mit Grünen und FDP die erste Ampelkoalition auf Bundesebene gebildet.
Illustration: Sarah Jansky

Dieser kleine Ausschnitt deckt noch nicht einmal ein Zehntel ab von dem, was alles auf der Welt passiert ist und ist zudem aus einer eurozentristischen Perspektive geschrieben. Es sind Fakten, hinter denen Geschichten und Menschenleben stecken. Wir vergessen oft, dass hinter einer Schlagzeile nicht nur jene:r Journalist:in steckt, sondern die wahre Welt. Durch Nachrichten werfen wir einen Blick in diese, aber können uns ihnen jederzeit wieder entziehen. Doch Betroffene können das nicht: Angehörige von verstorbenen Corona-Patienten, Angehörige der Oper der vielen Umweltkatastrophen, Angehörige von Ermordeten durch Anschläge jeglicher Art. Das sind Verbliebene für die die Schlagzeilen mehr sind als nur Worte.

An dieser Stelle möchte ich meine Erklärung vom letzten Jahr jedoch noch ergänzen: Denn neben der oben aufgeführten Auflistung gab es noch viele weitere Aspekte dieses Jahres, die wir in Deutschland als nennenswert einstufen, weil sie uns medial erreicht haben oder von Bedeutung für uns gewesen sind – doch auch jene Geschichten, die uns nicht erreicht haben oder die uns nicht persönlich tangierten, sind ein Teil des Weltgeschehens. Sie haben die Menschen geprägt und die Menschen haben wiederum die Welt geprägt.

Was dieses Jahr noch wichtig war

Ein wesentlicher Aspekt dieses Jahres ist immer noch die Corona-Pandemie gewesen und mit ihr mehr Schlagzeilen, als man auflisten kann. Selbst endzeitliche Filmemacher:innen haben nie zuvor an dem menschlichen Verstand gezweifelt und gedacht, dass Menschen den rettenden Impfstoff verweigern würden. In solchen dystopischen Filmen war das Ende stets mit der Entwicklung eines Medikaments markiert. 2021 hat jedoch gezeigt, dass jeder dieser Filme eine Fortsetzung verdient hätte, in der die Helden gegen diejenigen ankämpfen, die meinen in einer rettenden Impfung seien Mikro-Chips verbaut.

Doch nicht nur die Debatte rund um die Pandemiesituation hat unsere Gesellschaft gespalten. Die Bundestagswahlen haben unser Land in viele Diskussionen gestürzt, die leider mal wieder gezeigt haben, dass der Wahlkampf wichtiger als die wirkliche Politik ist. Denn während fleißig Stimmen gesammelt wurden, sind Menschen gestorben und die Politik konnte keinen gemeinsamen Diskurs bestreiten – weder zur Pandemie noch zur Klimakrise.

Wie real diese ist, haben die vielen Brände, Überschwemmungen und Temperaturschwankungen gezeigt. Der Juli 2021 hat sogar einen neuen Rekord aufgestellt, denn er war der heißeste Monat weltweit seit Beginn der Aufzeichnungen.

Heiß her ging es auch an der belarussischen Grenze. Die Schleusungen tausender Geflüchteter in umliegende Länder haben die Regimekritiker weiter angeheizt, was auch zur Gefangennahme von flüchtenden Oppositionsmitgliedern führte. Doch der „letzte Diktator Europas“ versucht auch weiterhin seine Macht zu legitimieren. Wünschenswert wäre es von daher, wenn er sich eine Scheibe von unserer ehemaligen Bundeskanzlerin abschneidet.

Denn Merkel hatte freiwillig auf eine erneute Kandidatur verzichtet und Platz für eine ganz neue Regierung gemacht, die sie auf Ersuchen des Bundespräsident seit dem 26. Oktober bis zur Vereidigung ihres Nachfolgers noch geschäftsführend unterstützte. Sie war die erste Frau, erste Person aus Ostdeutschland und erste im Amt, die nach der Gründung der Bundesrepublik geboren wurde, die das Kanzleramt inne hatte. Eine ganze Generation wurde von dieser Frau geprägt und nun haben wir Abschied von der Merkelraute und dem Begriff „Kanzlerin“ genommen.

Zuletzt hatte sie auch durch ihre Selbstbezeichnung als Feministin für viele Frauen ein Zeichen gesetzt.

Mit dem Ruhestand von Angela Merkel als Bundeskanzlerin endet eine Ära.

So wie 2021 nun endet.

Ein Jahr, das wie jedes andere voller Höhen und Tiefen steckte, ein Jahr, in dem die Ignoranz und Dummheit der Menschen mal wieder neue Rekorde aufgestellt haben. Doch trotz all der Klimaverpester:innen, Corona-Leugner:innen, Faschist:innen und Rassist:innen, gibt es noch Hoffnung. Auch wenn Cem Özdemir als einziger Minister den kurzen Weg zwischen Bundestag und Schloss Bellevue mit dem Rad zurücklegte, während alle anderen einen Limousinenservice brauchten, ist dies vielleicht das erste Flämmchen in Richtung Zukunft. Wenn wir uns die Fortschritte in der Medizin anschauen, sind diese überragend gewesen. Weltweit sind erstmals mRNA-Impfstoffe zugelassen worden und haben damit bei der Eindämmung der Pandemie wesentlich geholfen. An emotionaler Intelligenz hat es der Schweiz bei der Volksabstimmung für die Ehe für alle auch nicht gemangelt. Mit ihr ist die Ehe für alle jetzt in siebzehn europäischen Ländern legitim. Auch für die restliche Tierwelt gab es Fortschritte: Hummer, Kraken und Krabben wurden von der britischen Regierung als fühlende Wesen anerkannt, was hoffentlich dazu führt, das das lebendige Kochen dieser genauso wie in Neuseeland und der Schweiz verboten wird. Außerdem ist der Echtpelzhandel in Israel seit Dezember verboten.

– Es gab sie also doch, die guten Schlagzeilen versteckt zwischen all der menschlichen Dummheit.

Doch lasst uns nicht vergessen, dass die Welt nicht nur aus Schlagzeilen und Geschichten, die dahinter stecken, besteht. Sie besteht aus atmenden Wesen, die leiden und lieben. Dieses Jahr genauso wie in jedem anderen Jahr.

Also: 2021 war nicht viel besser als das vorangegangen Jahr, aber es hat uns auch mit neuer Hoffnung versorgt und die ist schließlich immer das, was zuletzt stirbt – auch dieses Jahr wieder überlebt hat.

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