Kurze Filme große Gefühle – das Kurzfilmfestival im Zebrakino

Wenn wenige Minuten reichen – in 40 Kurzfilmen reisten Besucher:innen an drei Tagen durch eine Vielzahl von Filmgenres und Themen. Wir hatten die Möglichkeit mit einem Jurymitglied über die Vorzüge von Kurzfilmen und die diesjährigen Preiskategorien zu sprechen.

Samstagsabend, 14. November im Zebrakino, der vierte und letzte Block des europäischen Wettbewerbs beginnt und der Kinosaal ist bis auf wenige freie Plätze gefüllt. Viele Besucher:innen des dritten Blocks bleiben noch, auch um die Siegerehrung im Anschluss zu sehen. Die Filme im Programm klingen vielversprechend und abwechslungsreich. Zu Beginn ist da der 15-minütige Kurzfilm „Crac!“ über einen Käfer, dessen Jahrhunderte alte Eiche von der Rodung bedroht ist. Ein weiterer Film, „Gonzo!“, nur dreieinhalb-Minuten lang, spielt in der Perspektive einer Weinbergschnecke namens Gonzo, gefilmt mit echten Schnecken. Mit dabei war auch der dokumentarische Kurzfilm „In the weft and warp of the nomads“, der später zu einem der Siegerfilme gekürt wurde. Darin portraitiert die im Exil in Deutschland lebende iranische Regisseurin Teppichweberinnen in iranischen Nomadenstämmen. Da sie nicht selbst in den Iran reisen konnte, besuchte ihr Bruder die Nomadenstämme und drehte vor Ort, während sie aus Deutschland Anweisungen gab. Die drei Filme deuten bereits die Vielfältigkeit origineller Geschichten und Filmgenres an, die den Zuschauer:innen an den drei Abenden geboten wurden.

Eröffnung des europäischen Wettbewerbs Block 3: Foto: Julia Farrenkopf (Julia Joplin)

Theresa, eine der Hauptkoordinator:innen und selbst Studentin an der Universität Konstanz, ist erleichtert und sehr zufrieden. Der Besucherandrang hat ihre Erwartungen übertroffen. Am Abend zuvor war die Vorstellung ausverkauft. Wie fast alle Mitarbeiter:innen arbeitet sie ehrenamtlich im Zebrakino. Vor fast einem Jahr haben sie in einem kleinen Organisationsteam mit den Vorbereitungen begonnen, Kurzfilme gesichtet, Sponsoren angeworben und eine Jury zusammengestellt. Gemeinsam haben sie einen europäischen und einen regionalen Wettbewerb auf die Beine gestellt, die an drei Abenden ausgetragen wurden. Am 13. und 14. November fand der europäische und am Sonntag den 15. der regionale Wettbewerb statt.

Die diesjährigen Filme überzeugten durch ihre originelle Handlung und die Intensität. Nach kurzer Zeit liefen sie auf ein dramaturgisch konsequentes, aber unvorhersehbares Ende hinaus und überraschten die Zuschauer jedes Mal aufs Neue. Kurzfilme böten den Filmemacher:innen die Möglichkeit, Themen zu behandeln, die keinen Spiel- oder Fernsehfilm füllen oder zu nischig sind, so Dr. Andreas Schreitmüller, Mitglied der Jury des europäischen Wettbewerbs. Er ist Professor für Medienwissenschaften an der Universität Konstanz und war zuvor lange Zeit Hauptredaktionsleiter für Spiel- und Fernsehfilme bei Arte.

Stimmzettelbox für den Zuschauerpreis: Foto: Julia Farrenkopf (Julia Joplin)

Herr Schreitmüller war besonders von den filmtechnischen Leistungen der Kurzfilme beeindruckt. Mit filmtechnischen Leistungen sind alle Techniken gemeint, die bei der Produktion des Films zum Einsatz kommen, wie die Kameraführung, die Belichtung, die Kostüme und der Schnitt. Die meisten waren Hochschulfilme und wurden mit begrenzten finanziellen Mitteln produziert. Dennoch waren die Filme von herausragender Qualität. Umso spannender waren die diesjährigen Preiskategorien die nicht, wie sonst üblich, die filmtechnischen Leistungen bewerteten, sondern die Emotionen, die beim Betrachten der Filme ausgelöst werden. Unter dem Motto „I feel too much…“ wurden Sieger:innen in den vier Kategorien „weight“, „energy“, „confusion“ und „happiness“ gekürt: Schwere, Energie, Durcheinander und Freude, dass alles sind Gefühle, die beim Schauen des Films ausgelöst werden können. Durch die neuen Kategorien treten die subjektiven Erfahrungen der Betrachter:innen in den Vordergrund. Die neuen Preiskategorien stellten auch eine Herausforderung für die Jury dar, dennoch sei man sich bei den Gewinnern schnell einig gewesen, so Herr Schreitmüller. Trotz der neuen Kategorien flossen die üblichen Kriterien, wie Regie, Drehbuch, Schnitt und Kameraführung, indirekt mit ein. Damit ein Kurzfilm die Zuschauerinnen in kürzester Zeit mitnimmt und emotional berührt, müsse er filmtechnisch gut gemacht sein, ansonsten werfe es die Zuschauer:innen aus der Handlung, so Herr Schreitmüller. In der Kategorie „too much confusion“ gewann der Film „In the weft and warp of the nomads“ über die Weberinnen in iranischen Nomadenstämmen. Die drei weiteren Gewinnerfilme sind auf der Website der kurz.film.spiele veröffentlicht. Allerdings sind die Filme online nicht verfügbar. Alle Gewinner:innen erhielten als Preis ein handgearbeitetes Kissen von der Konstanzer Künstlerin Charlotte English

Preisverleihung des europäischen Wettbewerbs: Foto: Julia Farrenkopf (Julia Joplin)

Gerade in einer Zeit immer länger werdender Kinofilme und Serien-Binge-Watching bieten Kurzfilme eine spannende Abwechslung. Trotz ihrer Vorzüge sind sie weniger präsent als Kinoblockbuster und Serien. Ihnen fehlt häufig die Bühne, da weder kommerzielle Kinos noch große Streamingdienste Kurzfilme in ihrem Angebot haben. Im Kino kommen die kurzen Filme noch besser zur Geltung, weil es durch den abgedunkelten Saal, die große Leinwand und die Soundanlagen noch einfacher gelingt, in die Handlung einzutauchen. So vergessen die Zuschauer:innen für kurze Zeit die Welt um sich herum. Wer jetzt Lust auf Kurzfilme bekommen hat, wird in der Arte-Mediathek fündig oder muss nach Veranstaltungen in kleineren Programmkinos, wie dem Zebrakino, Ausschau halten.

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