Helga Hildebrandt

Nachdenken war Luxus: Wie meine Großmutter den Krieg erlebte

Meine Oma, Helga Hildebrandt, geboren am 3. März 1937 in Bielefeld, ist eine fantastische Geschichtenerzählerin. Als neugieriges Enkelkind war ich darauf erpicht, im Haus meiner Großeltern alle Ecken und Winkel zu durchstöbern. Dabei fielen mir immer wieder wunderschöne Fotos von ihr als Varieté-Künstlerin ins Auge, die bei ihr und meinem Opa bis heute in der Küche hängen. Auf den Bildern hat sie dunkles, lockiges Haar und glitzernde Kostüme mit weißen Rollschuhen an. Daher lag die Vermutung nah:

„Oma, warst du mal im Zirkus?“

Diese ersten Geschichten, die sie mir von da an immer wieder erzählen musste, handelten von ihrer Jugend in der Rollschuhartistengruppe Vier Roleros, welche im Jahr 1947, also kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges, ihre neue Familie wurde. Schön sieht meine Oma auf den Fotos aus. Als sogenanntes fliegendes Mädchen wurde sie in den einzelnen Nummern umher geschleudert. Glamourös und aufregend erschien mir die damalige Zeit. Das kurz davor ein verheerender Krieg die Welt erschüttert hatte, war mir damals noch nicht klar. Erst viel später kam ich auf die Idee, sie auch nach den Jahren vor 1947 zu befragen. Einer Zeit voller Entbehrungen, Angst und Entfremdung.

Helga als fliegendes Mädchen bei den Vier Roleros.

Ich fahre zu meiner Oma nach Rothwesten im nordhessischen Fuldatal. Ich möchte ihr die Frage stellen, vor der man sich Jahre lang drückt oder sie am liebsten gar nicht stellen möchte: Oma, wie hast du den Krieg erlebt? Wovon sie mir erzählt: einem braunen Lederkoffer. Was sie mir zeigt: eine Bluse aus glänzendem Stoff und ein kleines geschnitztes Holzbild. Gegenstände, die daran erinnern, dass der Zweite Weltkrieg nicht in Geschichtsbücher gebannt werden kann, sondern dass dieser nach wie vor Teil unseres kollektiven Gedächtnisses ist.

Meine Oma, Mutter meines Vaters, wächst als jüngstes Kind der fünfköpfigen Familie Rodekamp auf, aus der nach ihrer Geburt schnell eine vierköpfige wird. Der Vater verschwindet; nicht, weil er in den Krieg eingezogen wurde, sondern einfach so und lässt meine Urgroßmutter mit drei kleinen Töchtern allein zurück. Helga sieht ihren Vater erst wieder, als sie selbst bereits ihr erstes Kind hat. Nicht nur der Verlust des Vaters hat seine Spuren hinterlassen, sondern auch die allgegenwärtigen, mit dem Krieg verbundenen Lebensumstände.

„Meine ersten Erinnerungen als Kind an den Krieg sind vor allem von Farben und Geräuschen geprägt, besonders von Geräuschen. Bis heute kann ich keine Sirenen hören. Dieses Geheul macht mich vollkommen verrückt. Und die Farben am Himmel, ‘Weihnachtskugeln’, wie wir sie nannten, sie erhellten den gesamten Nachthimmel. Sie waren eigentlich schön anzusehen und doch wussten wir, wenn wir sie sahen: Es ist Zeit für das Dunkel, den Bunker. Den Keller meide ich bis heute.“

Noch bevor meine Oma in die Schule ging, also ungefähr in den Jahren 1941/42, ist der abendliche Gang in den Bunker schon beinahe zur Routine geworden. Ein geschrieenes „Verdunkeln!“ des Hauswirtes ihrer Wohnung in der Kesselstraße ist das entscheidende Stichwort. Sie als Kleinste wird grob durch den Garten Richtung Bunker von ihren beiden älteren Geschwistern mitgeschleift.

Ihre Mutter ist währenddessen mit dem braunen, schweren Lederkoffer beschäftigt, der immer bereitsteht. Darin befinden sich zusammengelegte Stoffe, Handtücher und Wäsche. Da ihre Mutter als Näherin arbeitet, sind die das Wichtigste. Ein Stoff fällt dabei besonders auf. Er ist wunderschön weiß und glänzt. Als Kind versteht meine Oma nicht wirklich, warum ein so edler Stoff in einer so schmutzigen Zeit aufbewahrt wird. Später wird aus dem schillernden Weiß ihr erstes Brautkleid geschneidert. Jahrzehnte später schneidert sie sich wiederum aus dem Stoff eine Bluse, die sie noch heute manchmal trägt. Auch das ist etwas, was sie im Krieg gelernt hat. Alles ist wiederverwertbar und wertvoll.

Helga Hildebrandt als Kleinkind (ca. 1939).

1944 ist das Jahr nach den Monaten der Landverschickung, die meine Oma im Nachhinein nur noch als lieblose Zeit, aber mit einem sicheren Dach über dem Kopf in Erinnerung hat. Auch diese Geschichten erzählte sie mir, als ich noch klein war. Helga ist inzwischen siebeneinhalb Jahre alt. Die Familie, die sie aufnahm, schickte sie, wenn sie unartig war, in den stockdusteren Keller. Um die Angst zu vertreiben, zählte sie die Einmachgläser. Noch ein weiterer Grund für sie, nicht mehr in den Keller zu gehen.

Am 30. September 1944, zurück in ihrer Heimat Bielefeld, passiert der schlimmste aller Bombenangriffe, der die gesamte Stadt in Flammen aufgehen lässt. Wieder im Bunker rieselt der Kalk von der Decke. Ein alter Mann fragt, ob noch Platz zwischen ihr und ihrer Schwester sei. Er zittert am ganzen Leib. Sie erzählt, dass besonders die Furcht von diesem erwachsenen Mann sie erschütterte. Niemand spricht ein Wort. Draußen krachte es. Drinnen absolute Stille. Der Bunker hebt sich ab und zu um einige Zentimeter. Das Bombardement lässt langsam nach. Man flieht auf die nahe gelegene Sparrenburg. Von dort oben sieht Helga, wie die Spitze der Neustätter Kirche in Flammen steht und der Dachstuhl einstürzt. Bielefeld brennt. Familie Rodekamp ist ohne Heim. Der Lederkoffer ist ihr letztes Hab und Gut.

Helga Hildebrandt als kleines Mädchen.

Nach diesem Bombenanschlag kommt Helga mit ihren Schwestern und ihrer Mutter in ein Auffanglager. Dort werden sie einem Ehepaar zugeteilt. Sehr nette und fromme Leute, wie sie mir erzählt. Ihre Mutter darf sich nach einigen Wochen des Aufenthalts dort zum Abschied etwas aus der Wohnung dieses Paares zum Mitnehmen aussuchen. Sie entscheidet sich für ein kleines Bild, das eine perspektivische Installation einer Küchenstube aus Holz darstellt. Die Erinnerung an das Ehepaar berührt meine Oma bis heute zutiefst. Kurz unterbrechen wir das Gespräch. Sie zeigt mir das Bild, das sie aus der Wohnung ihrer inzwischen verstorbenen Mutter mitgenommen hat. Sie habe, erzählt meine Oma, in dieser hoffnungslosen Zeit selten wieder eine derartige Herzlichkeit gespürt wie damals bei diesen Leuten.

„Krieg ist das Schlimmste auf der Welt. Und alle tun so schlau: die Politiker, Akademiker. Aber nichts passiert. Es wird weiter gebombt und keiner kümmert sich um die Menschen. Es macht mich traurig. Wir werden wohl niemals verstehen, was es bedeutet, in Frieden zu leben.“

Die Nachkriegsjahre machen aus dem Kind Helga schnell eine Erwachsene, die vor allem Geld verdienen soll und muss. Die von mir als Kind imaginierte glamouröse Zeit bei den Vier Roleros ist bei genauerer Betrachtung weniger pompös. Jeden Tag trainieren, trainieren und nochmals trainieren bis die erste Vorstellung erfolgt. Diese findet in einer Bielefelder Sporthalle statt. Vor Kriegsversehrten. Es folgen Tourneen durch Deutschland und angrenzende europäische Länder. Zwischen den Jahren 1948 und 1954 reist sie quer durch Europa, von Norwegen bis nach Zypern und in den Nahen Osten.

Helga Hildebrandt als junge Frau.

Nach unserem Gespräch im vergangenen Dezember erhalte ich am dritten Advent einen Brief von meiner Oma:

„Deine letzte Frage, was ist Freiheit für mich, die habe ich noch einmal überdacht. Freiheit ist: Eine Entscheidung allein für mich treffen. Ringen um das Richtige für mich. Darüber nachdenken dürfen.“

Denn damals, damals zur Zeit des Krieges, da war Nachdenken Luxus, wie sie mir erzählt.

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