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Mein Praktikumssemester auf dem Sofa (in Berlin)

Hannah Siebert hat ihr Praktikumssemester während der Corona-Pandemie in Berlin absolviert und somit im Home-Office. Illustration: Sarah Jansky

Im letzten Sommersemester ging es für mich mitten im zweiten Lockdown nach Berlin. Hier habe ich zwei verschiedene Praktika gemacht, einmal beim Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) und bei der Pressestelle der Vertretung der Europäischen Kommission in Berlin.

Während der Zeit am WZB habe ich hauptsächlich ein Forschungsprojekt zu den Corona-Protesten mit Literaturrecherchen und der Analyse von Daten unterstützt. Somit ähnelte die Arbeit dort meinen normalen Tätigkeiten als Politikstudentin. Mein zweites Praktikum bei der EU-Kommission unterschied sich viel mehr von meinem sonst gewohnten Uni-Alltag. Ich war mal nicht nur mit wissenschaftlichem Arbeiten beschäftigt, sondern mit dem täglichen politischen Geschehen. Da jeden Tag neue unvorhersehbare Dinge passieren, auf die die Vertretung der Kommission als politische Institution reagieren muss, war der Arbeitstag sehr dynamisch. Ich durfte dabei helfen, die Pressemeldungen aus Brüssel zu übersetzen, umzuformulieren und anzupassen. Zusätzlich habe ich die Pressestelle viel bei der Erstellung von Social Media Content unterstützt. Das forderte von mir eine ganz neue Art zu denken: Nicht alles analysieren, sondern sprachlich einfach und auf den Punkt gebracht runterbrechen.

Praktika in Pandemiezeiten zu machen, war eine besondere Erfahrung.

Hannah Siebert

Zum Glück haben sich ein paar meiner Freund:innen aus Konstanz ebenfalls dazu entschieden, für ihr Praktikumssemester nach Berlin zu gehen. So habe ich meinen Kosmos aus Konstanz einfach mit nach Berlin genommen. Ohne meine Freund:innen hätte ich mich wohl sehr einsam gefühlt…

Als ich Anfang März in Berlin ankam, war es noch kalt und dunkel. Alles hatte zu: Restaurants, Cafés, Läden, Bars und Clubs. Also alles, was Berlin sonst zu einem so besonderen Ort macht. Da blieb einem nichts anderes übrig, als es sich in der WG gemütlich zu machen. Und das nicht nur in der Freizeit. Auch mein erstes Praktikum am WZB startete Anfang März inmitten der Pandemie. An meinem ersten Tag durfte ich in das Büro am Potsdamer Platz kommen und kurz schnuppern, wie es unter normalen Umständen hätte sein können. Danach verbrachte ich aber gleich mal die ganze erste Woche im Home-Office. Das erschwerte mir die Einfindung in die Arbeitsabläufe des Forschungsinstituts. Klar, am Anfang war es erstmal spannend, sich mit einem neuen Thema auseinanderzusetzen. Aber mit der Zeit viel es mir immer schwerer, morgens Motivation zu finden, um mich aus dem Bett einen Meter weiter an den Schreibtisch zu setzen (oder auf das Sofa zu legen).

Als Hannah nach Berlin kam war nicht nur die Wetterstimmung traurig, sondern auch die gesamte Pandemie-Lage.

Und das ging nicht nur mir so: Die meisten Praktika zu dieser Zeit beschränkten sich auf das Arbeiten in den eigenen vier Wänden. Laut einer Studie namens „Future Talents Report“ der Unternehmensberatung „Clevis“, ist der Anteil der Praktikant:innen, die während der Pandemie aus dem Home-Office arbeiteten, deutlich gestiegen. Im Jahr 2020 gaben 63 Prozent an, die Möglichkeit dazu gehabt zu haben, von Zuhause aus zu arbeiten, während der Anteil im Jahr 2019 noch bei 27 Prozent lag.

Um meine Motivation zu steigern, habe ich mir nach und nach eine Strategie überlegt: Morgens aufstehen und nicht als erstes aufs Handy schauen, sondern eine halbe Stunde lesen und Tee trinken. Es musste ja auch einen Vorteil haben, die Zeit für den Arbeitsweg zu sparen. Manchmal habe ich morgens oder zwischendurch auch Yoga gemacht und festgestellt: Sport kann wirklich die Laune steigern (obwohl ich sonst eher unsportlich bin). Vor allem, wenn man den ganzen Tag am Schreibtisch sitzt.

Aber es gab noch einen weiteren Fakt am Home-Office, den ich wirklich bedrückend fand: neue Menschen nur per Video kennenzulernen. Mir fehlte sehr dieser einfache Smalltalk in der Kaffeeküche, bei dem man auch mal Persönliches über seine Kolleg:innen erfährt. Durch solche Gespräche zwischendurch entstehen, meiner Vorstellung nach, natürlich kurze Pausen im Arbeitsalltag. So allein am Schreibtisch musste ich mich manchmal daran erinnern, dass es okay ist, sich auch mal kurz einen Kaffee zu machen und ein bisschen durchzuatmen.

Alles lief digital ab, auch das Kennenlernen von neuen Kolleg:innen.

Wenn ich dann doch mal ins Büro gefahren bin, fühlte sich das gleich richtig besonders an. Ich freute mich auf die Fahrt mit der S-Bahn und genoss den Trubel auf den Straßen rund um den Potsdamer Platz. Zum Glück kam dann irgendwann der Sommer. Mit der steigenden Temperatur erwachte auch Berlin wieder zum Leben. Jetzt konnte ich endlich, zusammen mit meinen Konstanzer Kommiliton:innen, das kulturelle Angebot erkunden und abends weggehen. Nur das Home-Office blieb, auch mit dem Beginn meines zweiten Praktikums bei der Vertretung der Europäischen Kommission Mitte Juni. Doch mit den wachsenden Möglichkeiten an Freizeitangeboten wurde es fast schon praktisch, von Zuhause aus zu arbeiten. Statt bei der Hitze in der U-Bahn zu sitzen, konnte man nach der Arbeit direkt losradeln, um sich mit den Anderen zu treffen.

Ich habe gemischte Gefühle über meine Zeit in Berlin. Einerseits war es im Sommer wirklich toll, zusammen mit meinen Freund:innen das Großstadtleben mitzunehmen, anderseits habe ich mir vorgestellt, wie viel besser mir die Praktika mit mehr Präsenzbetrieb gefallen hätten. Immer, wenn ich dann doch mal vor Ort gearbeitet habe, ist die Zeit verflogen und ich bin mit sehr netten und interessanten Menschen ins Gespräch gekommen. Umso schmerzhafter war es dann am nächsten Tag, wieder am Schreibtisch Zuhause zu sitzen. Ich glaube, bei einem Präsenzpraktikum hätte ich mich auch nochmal ganz anders mit Kolleg:innen vernetzen und mehr an den Prozessen in den Institutionen teilhaben können. Aber natürlich haben alle in dieser verrückten Zeit ihr Päckchen zu tragen und meine Praktika-Betreuer:innen haben sich wirklich viel Mühe gegeben, mich auch vom Schreibtisch aus in alles miteinzubeziehen.

Was nehme ich aus dieser Zeit mit? Berlin ist ein wirklich schöner Fleck Erde, auf dem alle Kulturen und Menschen aufeinander treffen.

Hannah Siebert

Wissenschaftler:innen sind eigentlich ziemlich coole Menschen (und manche legen sogar auf Raves auf). Der Umgang im öffentlichen Sektor ist gar nicht so hierarchisch, wie man denkt. Und auch Kaffeepausen gehören zum Arbeitsalltag dazu.

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