Das geldige Weihnachten

Weihnachten nervt. Frühestens, wenn die Schoko-Nikoläuse schon bei sommerlichen 30 Grad im Supermarkt stehen und Weihnachtsmusik aus den Lautsprechern dröhnt. Eigentlich wollte man sich doch nur ein kaltes Eis kaufen. Weihnachten nervt, wenn zum zehntausendsten Mal „Kevin allein zu Haus“ im Fernsehen läuft, beim Schrottwichteln wirklich nur kompletter Müll geschenkt wird und der Weihnachtsbaum doch nicht in die Wohnung passt. Und spätestens, wenn die Familie sich an Heiligabend anschweigt, weil mal wieder die falschen Geschenke gekauft wurden. Oder noch schlimmer – ein gequältes Lachen hervorbringt und vorspielt, eine amüsante Zeit zu verbringen.

Die deutschen Innenstädte zur Adventszeit erinnern an einen bunten Konsum-Kinder-Glitzer-Vergnügungspark – so zum Beispiel auch in Konstanz. Es blitzen einem nur die besten und natürlich teuersten Geschenkideen entgegen, das teuerste Handy, neben ultranagelneuen Skiern und dem größten Puppenhaus. Trotzdem ist das Gedränge groß und die Menschenmasse schleust einen durch die engen, überfüllten Gassen – nichts für Klaustrophobiker! Als wären dies nicht schon genug Sinneseindrücke, glitzert das Lametta, an den zahlreichen Tannenzweigen hängen Weihnachtskugeln und im Augenwinkel funkeln immer wieder Lichterketten. Auf der Marktstätte kulminert dann die kitschig-grelle Weihnachtsdekoration mit den konsumwütigen Massen – der Weihnachtsmarkt ist erreicht. Der Geruch von ekligem Bratfett, Alkohol und in der Nase juckenden Weihrauch zieht sich über den Platz. Dicht gedrängt, Körper an Körper, wird gesoffen, gefressen und geshoppt und dabei die Weihnachtszeit seines Lebens genossen.

Der Reiz eines Weihnachtsmarktes liegt darin, so viel Glühwein, von den Liebhabern nach ein paar Tassen liebevoll „Lüh“ genannt, wie möglich zu trinken, bevor der Markt in den frühen Abendstunden schließt. In meiner Heimatstadt Göppingen gibt es schon seit Jahren den sogenannten „Heiligen Morgen“. Vorwiegend Jugendliche und junge Erwachsene pilgern am Morgen des Heiligen Abends aus allerlei Ecken in die Innenstadt, um sich besinnungslos auf dem Markt und in den nahegelegenen Bars zu besaufen. Schließlich muss die Geburt Christis auch gebührend gefeiert werden! Was zurückbleibt? Die Besinnung an Weihnachten in Form von halbtoten Alkoholleichen am Abend. Und zwar nicht gerade wenige, mehrere tausend Besucher zählen die Veranstalter jedes Jahr.

Und jedes Jahr wieder kaufen zahlreiche Personen ihre Geschenke erst ganz auf den letzten Drücker. In den Läden geht es dann zu wie bei einem Schlussverkauf von Victoria Secret oder dem Black Friday in den USA. Jede Nächstenliebe und Besinnlichkeit ist vergessen, da wird gekämpft, gekratzt und beschimpft. Die Menschen begehen sich zurück in einen Ur-Status, ihr Instinkt ist jagen. Nur dass heutzutage kein Wildschwein die Zielscheibe ist, sondern Waren aus irgendeiner kleinen indischen Fabrik, in der unterentlohnte und verhungerte Menschen für unseren Weihnachtssegen schuften. Da wird gekauft, was nicht niet- und nagelfest ist. Und am Ende? Ist es doch nicht das Geschenk, dass der Beschenkte gerne wollte!

Doch wie vermeidet man es, zu einem konsumgeilen Weihnachtszombie zu werden? Letztes Jahr habe ich beispielsweise einen Film geschnitten, aus Aufnahmen des Jahres, den meine Familie und ich am Weihnachtsabend angeschaut haben. Solche Geschenke führen zu emotionalen Momenten, man lacht und weint zusammen, ist dankbar, dass man sich hat. Und niemand ist enttäuscht, weil es nicht das richtige Geschenk gab.

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