Zwischen Ramsch und Reichtum: Konstanzer Flohmarkt-Chroniken

Alle Jahre wieder… kommt der grenzüberschreitende 24h-Flohmarkt in Konstanz und Kreuzlingen. Damit du alles, was dein Herz begehrt, an den Ständen findest, findest du hier alles, was du über den Flohmarkt wissen solltest.

Alle Wege führen nach Rom … Oder über den Flohmarkt

Einmal von Deutschland in die Schweiz zu pilgern ist in Konstanz kein Problem und für viele sogar alltäglich. Wer das volle Flohmarkt-Programm haben will, nimmt am Altstadt-Event des Jahres natürlich auch die Schweizer Seite des Geschehens mit.

Für diejenigen, die mit dem Bus am Sternenplatz ankommen, bietet es sich an das kurze Stück bis zum Herosé und dann über die Fahrradbrücke zu laufen. Erstmal auf der anderen Rheinseite angekommen, bieten sich drei Möglichkeiten: links geht`s zur HTWG, rechts zur Europabrücke und die Fahrradstraße gerade aus führt zur Laube. Visuell sind die Strecken am Rhein entlang die schönsten, egal in welche Richtung. Das Haupt-Event wäre dann die Laube, an der man wohl oder übel nicht vorbeikommt. Diese erreichst du, egal für welche Richtung du dich entscheidest auch auf Umwegen.

Immer gerade aus Richtung Grenze, kannst du gemütlich an den Ständen und Fressbuden auf der Laube vorbeischlendern oder einen kleinen Abstecher zu den Verkaufenden rund um die Lutherkirche herum machen. Am Schnetztor vorbei über die Emmishoferstraße, führt derWeg an Imbissen und Arztpraxen vorbei über die Grenze.

Jetzt heißt es „Grüzi“ statt „Hallo“

Auch in Kreuzlingen geht es dann immer weiter gerade aus entlang der Konstanzerstraße bis zum Ende der Stände: Eigentlich ziemlich selbsterklärend. Auf dem Hinweg könnte man alle Verkaufsstellen auf der rechten Seite der Straße und auf dem Rückweg alle auf der linken Seite begutachten.

Auch wenn die Strecke des Flohmarkts an sich gar nicht so lang ist, kann der Weg dann doch ziemlich anstrengend sein. Vor allem wenn „der Verkehr stockt“ und man nicht ans Ende der Straße kommt. Keine:r erwartet einen Sprint durch den Flohmarkt machen zu können: Zeit und Pausen sind hierbei mit einzuberechnen.

Verschnaufen oder verweilen

Nach der internationalen Völkerverständigung beim Feilschen um den besten Preis sehnt sich so Manche:r nach einer Verschnaufpause.

Für die bodenständigen Besucher:innen bietet sich der unbequeme angehobene Bordstein entlang der Laube für kurze Pausen an: nicht sonderlich komfortabel, erfüllt aber den Zweck. Die Sitzmöglichkeiten an den nicht-bedienten Bushaltestellen an der Laube oder an der Stephansschule sowie am Schnetztor, stellen außerdem eine weniger pragmatische Füße-Entlastung dar. Auch die Treppenstufen rund um die Lutherkirche laden zu einem Päuschen ein.

Wer nach einer Oase zum Verweilen sucht, wird vielleicht in der Strandbar an der HTWG fündig: Die angenehmen Liegestühle im Sand bieten gerade beim Sonnenuntergang einen schönen Blick auf den Rhein, in dem sich der Trubel der Stadt widerspiegelt.

Kleine Cafés, große Wirkung

Die vielen kleinen Cafés der Konstanzer Altstadt bieten bequeme und gut gelegene Pausenmöglichkeiten. Nicht direkt an der Laube gelegen bieten sie einen sicheren Hafen für diejenigen, die sich für die Dauer eines Kaffees der Reizüberflutung des Flohmarkts entziehen möchten. Nach der Stärkung von Körper und Geist ist dann auch das große Geschehen wieder durch einen kurzen Fußweg schnell zu erreichen. Ein weiterer Vorteil der Cafés: kulinarische Verpflegung außerhalb von Handbrot, Bratwurst und Co., oder dem Auffüllen der Wasserflasche.

Der frühe Vogel fängt den Wurm, und die zweite Maus kriegt den Käse

Mit dem Flohmarktbeginn um 18:00 Uhr, startet auch das großräumige Gewusel. Wer sich direkt mithinein begeben möchte, darf vor allem drei Dinge nicht haben: Schwache Nerven, Abneigung gegen Hitze und Platzangst. Zwar bieten die Gänge zwischen den Ständen genug Platz für kurze Verschnaufpausen, jedoch sieht das direkt vor den Tischen anders aus. Hinzukommt die jährlich wiederkehrende Juni-Sonne. Fluch und Segen zugleich. Sich davon nicht abschrecken zu lassen, soll jedoch belohnt werden – denn, die besten Funde sind schnell verkauft.

Obwohl zu späterer Stunde die Sehkraft aller Besuchenden herausgefordert wird, hat die Nacht von Samstag auf Sonntag kühlere Temperaturen und mehr Bewegungsfreiheit zu bieten. Mithilfe der Straßen- und individuellen Standbeleuchtung wird die Schatzsuche erleichtert und verwandelt die Bodenseestadt somit in einen Nachtbasar, der an Urlaub im Süden erinnert.

Wenn die Sonne nicht genug auf den Kopf dröhnt, dann können definitiv die Bässe des Mahagoni-Kollektivs nachhelfen. Denn der Pausenhof des Alexander-von-Humboldt-Gymnasiums verwandelt sich Samstag von 18-23 Uhr, und Sonntag von 10-18 Uhr zur Open-Air-Tanzfläche. Mit energetischer House-Musik lassen die DJ’s die Herzen der Studis (wortwörtlich) schneller schlagen.

Flohmarktfüchse aufgepasst

Allgemein bekannt und dennoch schneller vergessen als gedacht, ist die Regel „Cash is King“. Wenige Stände bieten die Option an, per PayPal abzukassieren. An Bargeld sollte dennoch gedacht werden. Ebenfalls essenziell ist die Mitnahme von mindestens einem Jutebeutel, um die ergatterten Waren zu verstauen. Um der zwar etablierten, auf Dauer aber mangelhaften Ernährungsweise von Pasta mit Pesto vorzubeugen, empfiehlt es sich außerdem zuhause den Hunger zu stillen. Wegen der bereits angekündigten Lichtverhältnisse darf auf die (Handy-)Taschenlampe nicht verzichtet werden – im besten Fall wird auch an die Powerbank gedacht. Ein Geheimtipp für die Schwab*innen und alle anderen Schnäppchenjäger unter euch: Sonntagnachmittag kurz vor Schluss lassen die Verkaufenden nicht nur besser mit sich verhandeln, sie setzen die Preise oft schon niedriger an. Mit etwas Glück lassen sich unter den Überbleibseln noch versteckte Schätze finden.

Das wichtigste Gesetz auf dem Flohmarkt ist und bleibt jedoch Mut zum Verhandeln. Hier kann zum Beispiel bei dem Kauf von zwei oder mehreren Artikeln nach einer Vergünstigung gefragt werden und das ein oder andere Mal soll es wohl auch geholfen haben die „Studenten-Karte“ auszuspielen. Bleibe aber fair, denn jeder Gegenstand hat seinen Wert!

Ist das Kunst oder kann das weg? Zwischen Ramsch und Reichtum

Wer sucht, der wird finden. Manchmal wird Mensch allerdings auch gefunden. Denn auf dem Flohmarkt gibt es vieles, von dem du noch nicht wusstest, dass du es brauchst. So finden sich neben dem großen Angebot von Kleidung und selbstgemachtem Schmuck richtige Schätze: alte Schreibmaschinen, Mini-Einkaufswägen oder Holzpenisse. Zu mancher Freude und mancher Schrecken, gibt es Stände gefüllt mit alten Puppen. Die ein oder andere Person fragt sich vielleicht, worin diese Gegenstände ihren Gebrauch finden. Wer weiß? Aber unter den jährlich 80.000 Besuchenden befinden sich wohl immer wieder diejenigen, die sich vor Freude und Glück, endlich einen Holzpenis gefunden zu haben, kaum halten können.

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