Ein offener Brief an die Deutsche Bahn

Zuerst einmal vorweg: Ich bin auf der Suche nach einem Auto. Es soll die Grüne Umweltplakette erhalten können und kein Diesel sein – der Umwelt zuliebe. Vielleicht kann mir jemand von der Deutschen Bahn eines empfehlen, denn ich bin sicher, die Damen und Herren der Bahngleisschöpfung fahren genauso selten Zug wie ich bisher mein eigens Auto, nämlich gar nicht. Was mein Autokauf und die Deutsche Bahn miteinander zu tun haben? Eine ganze Menge, um genau zu sein alles:

I got 99 problems and the Deutsche Bahn are 98 of them.

Liebe Deutsche Bahn, liebe öffentliche Verkehrsmittel und liebe Umweltpolitik – ja euch dahinten meine ich, ihr müsst euch gar nicht pfeifend umsehen und so tun, als wärt ihr unfehlbar. Also: Liebe DB, öffentliche Verkehrsmittel und Umweltpolitik, wenn das so weiter geht, sind wir bald geschiedene Leute.

Unsere Beziehung fing ganz klassisch in der Mittelstufe an, als ich im Nachbardorf auf die Schule ging. Als die Fahrpläne zum hundertsten Mal in sechs Jahren umgestellt wurden, durfte ich nach der Schule dreißig Minuten warten, um eine Strecke von zehn Minuten zu fahren. Schlimmer wurde es in der Oberstufe, als ich nach Kassel musste und dort jeden Tag vor und nach der Schule eine Stunde wartete. Ja, NVV ich spreche hier dich an und auch dich BVG, VHB und wie ihr nicht alle von Berlin bis Konstanz heißt. Kein Wunder, dass jedes Dorfkind noch vor Bestehen seines Führerscheins nicht nur einen Traktor, sondern auch ein Auto fahren kann. Mich würde selbst ein Motorrad fahrender Sechsjähriger nicht mehr überraschen – in asiatischen Ländern funktioniert das verfrühte Verwenden von Fahrzeugen ja auch ganz gut. Nur eben nicht für die Sechsjährigen, die dabei sterben. Aber hey, wir in Deutschland haben im Jahr 2020 ja nur 2245245 Verkehrsunfälle mit 2719 Verkehrstoten gehabt.

Lange Zeit war ich auf euch angewiesen, liebe „Öffis“. Diesen Namen gab ich euch, wie viele andere auch, in einer Zeit der Zuneigung. Doch das ist jetzt vorbei, wie eine Mutter, die ihr Kind mit vollem Namen ausschimpft, seid ihr jetzt nur noch die „öffentlichen Verkehrsmittel“.

Doch mein Hass geht nicht auf alte Kamellen zurück. Nein, denn wer auf dem Dorf wohnt, hat es eben schwer mit den Verbindungen. Ist ja nicht so, dass gerade ältere Menschen für das bisschen Freiheit, was man ihnen trotz Altersarmut noch gelassen hat, zu ihren Freunden mit den öffentlichen Verkehrsmitteln müssen – und deshalb vereinsamen.

Ich bin immer gerne Bahn gefahren. Trotz der schreienden Kinder, denn es gibt in Schnellzügen meist ein Flüsterabteil, in dem es zwar immer mindestens eine Person gibt, die laut telefoniert, aber ansonsten kann ich da richtig schön das Rattern des Zuges genießen. Wenn er denn kommt – und da geht es schon los. In anderen Ländern werden Deutsche für ihre Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit gelobt, nicht das schlechteste Vorurteil einer Bevölkerung gegenüber. Doch davon scheint der Schienenfernverkehr in diesem Land noch nichts gehört zu haben. Ein Blick auf die Anzeigetafel am Bahnhof verrät, wie viele Züge zu spät kommen oder sogar ausfallen – und das ganz ohne Streik.

Ein trauriger Anblick und leider keine Seltenheit. Man kann von Glück sprechen, wenn der Zug in Deutschland mal nicht ausfällt oder sich verspätet.
Aber keine Sorge, wenn mal der Verdacht auf Pünktlichkeit besteht, dann wird gestreikt.

Wahrscheinlich stehen diese als weiterer Arbeitsbereich sogar im Vertrag. Anders kann ich es mir zumindest nicht erklären, wieso Zugfahren immer teurer wird, aber niemand besser bezahlt wird. Da kann selbst Jeff Bezos noch etwas von der Deutschen Bahn lernen!

Man müsste schließlich meinen, so teuer wie die Bahnpreise sind, würden die Mitarbeiter:innen gut bezahlt werden – von wegen! Aufgrund der ständigen Streiks musste ich schon einen noch überteuerten Mietwagen nehmen oder fast das Angebot eines unseriösen Grapschers auf „BlaBlaCar“ annehmen. Traurig aber wahr, der Ausfall des Schienenfernverkehrs zwingt mich regelmäßig dazu äußerst kreativ in der Alternativfindung zu werden – dem ewig dauernden Flixbus sei Dank. Doch nicht nur die Unzuverlässigkeit sondern eben auch die Preise haben mich sämtliche Alternativen ausprobieren lassen.

Wer aber ungern stundenlang auf seinen vier Buchstaben sitzt und das muss ich bei meinen regelmäßigen Zielen im Fernbus bis zu elf Stunden für eine Strecke von sechs oder sieben Autostunden, für den ist dieses Erlebnis nichts. Denn Staus und die Geschwindigkeitsbegrenzungen lassen Fernbusse wie „Flixbus“, „BlaBlaCar Bus“ oder dubiose Busunternehmen aus anderen Ländern, in denen niemand außer mir Deutsch spricht, im Vergleich zu den Schnellzügen der Deutschen Bahn wie Schnecken aussehen. Wenn sie denn mal fahren würden.

Ich als arme Studentin kann es mir natürlich leisten, mehrfach im Monat trotz Bahncard50 über hundert Euro auszugeben, um meinen Freund und alle paar Monate meine Familie zu sehen. In Zukunft sollte ich mir vielleicht überlegen, mich mit ihnen in Asien oder Australien zu treffen, denn die Flüge dahin sind nicht selten genauso teuer wie ein Bahnticket innerhalb von Deutschland.

Um Geld zu sparen, könnten wir aber auch alle nach Malle fliegen.

Während die Politik schreit, wir müssen unsere Autos stehen lassen, hat die Deutsche Bahn offensichtlich andere Pläne. Möglicherweise ist sie ein Superschurke, der den Klimawandel mit nicht zu bezahlenden Preisen vorantreiben möchte, um die Weltherrschaft an sich zu reißen. Was ihnen das auf einem durch die Klimakrise unbewohnbaren Planeten bringt, weiß zwar niemand, aber die Motive von Superschurken sind schließlich selten logisch. Hauptsache es geht ganz viel kaputt und das schafft die Deutsche Bahn definitiv. Seien es ihre eigenen Züge, die Gleise, meine Pläne irgendwo pünktlich anzukommen und Termine wahrzunehmen, das Loch in meinem Portemonnaie oder unsere lebenswerte Zukunft.

Für mehr traurige Wahrheiten aus dem Alltag der Fernverkehrsnutzer:innen in Deutschland, schaut euch mal die Facebookseite Ich hasse die Deutsche Bahn an – allein deren Existenz sagt doch schon eigentlich alles, oder?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Ähnliche Posts
Lesen

„In den Träumen wohnen”: Wo die Grenze zwischen Realität und Fantasie verschwimmt

Unsere Redakteurin Ina hat für euch die Ausstellung „In den Träumen wohnen“ der Wessenberg-Galerie Konstanz besucht. Dort hat sie Galerieleiterin Dr. Barbara Stark getroffen, die viele interessante Einblicke über die Hintergründe der Ausstellung gegeben hat. Hier erfahrt ihr, was es in den Werken der Künstlerin Cornelia Simon-Bach alles zu entdecken gibt.
Fassade Buchhandlung
Lesen

„Ich bin mein ganzes Leben lang gewandert“: Eine ganz besondere Buchhandlung und ihre Besitzerin im Portrait

Das blau-weiße Haus in der Münzgasse 10 ist eines, wie es in Konstanz so viele gibt. Es fügt sich mit seiner schrägen Fassade in den krummen Verlauf der schmalen Straße ein. Die dicken Wände lassen auf ein hohes Alter und die mittelalterliche Vergangenheit schließen. Für die Konstanzer Altstadt ein Haus wie jedes andere. Der Laden, den es beherbergt, ist dafür ziemlich einzigartig: Seit 23 Jahren führt Hille Cook hier die einzige englischsprachige Buchhandlung in ganz Baden-Württemberg.
Lesen

Das geldige Weihnachten

Weihnachten nervt. Frühestens, wenn die Schoko-Nikoläuse schon bei sommerlichen 30 Grad im Supermarkt stehen und Weihnachtsmusik aus den Lautsprechern dröhnt. Eigentlich wollte man sich doch nur ein kaltes Eis kaufen. Weihnachten nervt, wenn zum zehntausendsten Mal „Kevin allein zu Haus“ im Fernsehen läuft, beim Schrottwichteln wirklich nur kompletter Müll geschenkt wird und der Weihnachtsbaum doch nicht in die Wohnung passt. Und spätestens, wenn die Familie sich an Heiligabend anschweigt, weil mal wieder die falschen Geschenke gekauft wurden. Oder noch schlimmer – ein gequältes Lachen hervorbringt und vorspielt, eine amüsante Zeit zu verbringen.