Konstanz rettet Kühe: Der Animal Pride e.V.

Dass es immer wieder zu Skandalen in der Tierindustrie kommt, ist bekannt. Doch schnell klingen die Skandale wieder ab und Verbraucher:innen gehen ihrem gewohnten Konsumverhalten nach. Der Animal Pride e.V. setzt sich für Aufklärungsarbeit ein und hat nebenbei noch Kühen und Kälbchen das Leben gerettet.

Seit dem 29. Oktober 2017 gibt es den parteiunabhängigen Tierrechtsverein.

„Unser Ziel sind die Abschaffung von Tiermissbrauch und Tierausbeutung und Tierrechte für alle Tiere. Wir kämpfen für die Tierrechte. Der Animal Pride lehnt Speziesismus ab.“

Leitfaden des Animal Prides, entnommen von der Website.

Der Animal Pride organisiert jeden ersten Samstag des Monats einen Infostand mit veganer Kuchenausgabe am Kaiserbrunnen auf der Marktstätte, um Aufklärungsarbeit zu leisten. Die Leckereien werden gegen eine Spende ausgegeben. Zusätzlich halten sie während der Wintermonate regelmäßig Mahnwachen in Gedenken an die Opfer der Tierindustrie. Die Idee, mit der der Verein damals gegründet worden ist, konnte 2019 nach mehrjähriger Planung und Sponsorenfindung endlich stattfinden: Mit Ausnahme 2020 aufgrund der Corona-Pandemie findet jährlich der Animal Pride Day statt, welcher nicht nur ein Fest, sondern auch eine grenzübergreifende Demonstration durch Kreuzlingen und Konstanz ist. Auf dem Augustinerplatz in Konstanz gibt es vegane Essens- und Infostände, aber auch Livemusik und ein Kinderzelt, um die Würde der Tiere zu feiern.

Die gute Vernetzung des Animal Pride zeigt sich neben den Kollaborationen beim Animal Pride Day in der engen Zusammenarbeit mit dem Tierheim Konstanz, welches jährlich beim Tag der offenen Tür und dem Frühlingsfest unterstützt wird. Zudem ist die Organisation auf dem veganen Weihnachtsmarkt beim Hof Narr vertreten. Besonders eng arbeitet der Animal Pride mit den Ortsgruppen des „PETA Streetteams“ und dem Konstanzer Chapter der weltweiten Tierrechtsorganisation „Anonymous for the Voiceless“ („AV“) zusammen.

Mit meist themenspezifischen Aktionen informiert das „PETA Streeteam“ über die verschiedenen Zweigen der Industrie wie Pelz, Fisch oder Eier. Anders agiert „AV“, die mit Bildschirmen in Konstanz auf der Marktstätte stehen und Videos aus der Tierhaltungsindustrie zeigen, um den stehenbleibenden Passant:innen mittels eines Aufklärungsgesprächs die eigene Verantwortung bewusst zu machen. So teilen sich „AV“ und der Animal Pride am ersten Samstag des Monats den Bereich um den Kaiserbrunnen.
Neben all diesen Aufgaben im Bereich des Tierrechts und Tierschutz sorgt sich der Animal Pride derzeit auch um 17 Kühe, die gerettet worden sind.

Daisy und Pride – Der Beginn der Patenschaften

Mit der Planung des ersten Animal Pride Day wurde der Tierschützer Markus Bosshard als Redner eingeladen – Zeit hatte er keine, wegen einer Kuh namens Daisy, die Hilfe gebraucht hat. Aufgrund der Umstände ihrer Haltung hat Daisy an Arthrose gelitten und sollte trotz geltenden Schweizer Gesetzes, das das Schlachten trächtiger Tiere nach dem dritten Schwangerschaftsmonat verbietet, getötet werden. Sie wurde vom Schlachttransporter aus gerettet und dann in die Patenschaft des Vereins übergeben. Nur wenig später ist ihr Kälbchen „Pride“ geboren worden. Es ist das zwölfte Kälbchen, das Daisy zur Welt gebracht hat und das Erste, das bei ihr bleiben durfte. In der Milchindustrie werden Kälbchen normalerweise kurz nach der Geburt von ihren Müttern getrennt. Nachdem Daisy gemerkt hat, dass Pride bei ihr bleiben durfte und durch die Freiheit, gepaart mit liebevollen Begegnungen, hat sie ihr menschenscheues Verhalten weitestgehend abgelegt und Vertrauen in ihre Betreuer:innen gefasst. Seitdem sind Daisy und Pride die Botschafterinnen des Animal Pride e.V..


Doch wie so oft in der Tierausbeutungsindustrie nimmt auch Daisys Geschichte ein viel zu frühes und tragisches Ende. Aufgrund ihrer entbehrungsreichen Lebensbedingungen hat sie unter einer Kniegelenksarthrose im linken Hinterbein gelitten, was eine OP nach sich gezogen hat. Obwohl ihr dieser Eingriff sichtlich Besserung gebracht hat, musste sie nach einem tragischen Sturz als ihre Tochter erst fünf Monate alt war, von ihren Qualen erlöst werden.
Pride hingegen wird anders als ihre Mutter nie ausgebeutet werden, sodass ihr in ihrem zutraulichen Verhalten anzumerken ist, dass sie nie schlechte Erfahrungen mit Menschen gemacht hat.

Daisy und Pride in Sicherheit. Foto: Animal Pride.

Kälbchenrettung – Wie viel ist ein Leben wert?

Als Tierrechtsverein muss sich der Animal Pride immer wieder mit der Realität des menschlichen Konsums auseinandersetzen, die das Leben von drei Milliarden Tieren täglich auf unterschiedlichste Weise beendet.
So gehören zu den Standardpraktiken die Haltung in engen Ställen, ohne genug Platz zum Bewegen als auch ohne Zugang zu natürlichem Licht und frischer Luft. Bullen, aber auch andere Tiere, werden routinemäßig körperlich verstümmelt, um sie „handhabbarer“ zu machen oder sie sich auf engsten Raum nicht gegenseitig oder gar selbst verletzen. So ignoriert die Tierindustrie systematisch die Bedürfnisse der Tiere und ist stattdessen auf maximale Produktion und Rentabilität ausgerichtet.

Billie (vorne) und Lucy sind neugierig.
Foto: Christof Stelz.

Die erschreckend niedrigen Supermarktpreise für ihre fleischlichen Erzeugnisse und andere tierische Produkte zeigen den Stellenwert, den sogenannte Nutztiere für uns haben. Kurz nach der Rettung von Daisy und Pride wurde bekannt, dass der Kaufpreis eines Kalbs bei weniger als zehn Euro lag.


Zur gleichen Zeit wurde publik, wie einfach der Kauf von Kälbern für niedrige Preise durch das Internet geworden ist, als in Dettingen ein 17-Jähriger vierzig Kälber gekauft hat. Von 40 sind nur 39 lebendig angekommen. Er hat die Kälbchen illegal und vernachlässigt untergebracht, sodass das Veterinäramt die überlebenden Tiere retten musste.


Durch mehrere Artikel, die darüber berichtet haben, wurde der Animal Pride auf die Situation aufmerksam und hat beschlossen zu handeln. Keines der Kälbchen sollte aufgepäppelt werden, nur um dann geschlachtet zu werden. Sie haben Plätze organisiert, doch währenddessen sind täglich mehr von ihnen gestorben. Nur elf von vierzig haben überlebt und wurden als Patenkinder aufgenommen.

„Aber den Kälbchen ging es immer noch ziemlich schlecht. Dass Krümel Löwenherz beispielsweise überlebt hat, grenzt an ein Wunder.“

Dayana Benz, 1. Vorstandsvorsitzende des Animal Prides

Anfangs waren die Kälbchen noch bei einem Landwirt in der Nähe untergebracht, der Bestallung leer stehen hatte. Die Kälber wurden jedoch bald auf den Hof von Stefan Röck, dem Zweiten Vorsitzenden des Vereins Lebenshilfe Kuh & Co e.V., umgesiedelt. Obwohl sie von ihren Müttern getrennt wurden und somit nicht in der Lage gewesen seien, frühzeitig Sozialverhalten zu erlernen, hätten sie sich erfolgreich zu einer Herde zusammengeschlossen. Während sie sich eingelebt haben, sind im Laufe der Zeit noch zwei weitere Kälbchen verstorben, Mogli und Gretl-Marie. „Sie alle sind der Abfall des Abfalls gewesen“, erklärt Christof Stelz, Patenschaftsbeauftragter des Animal Prides, den schlechten Gesundheitszustand der Kälbchen.

Kein Einzelfall

Dass Daisy, Pride und die geretteten Kälbchen leider keine Einzelfälle darstellen und die grausame Realität der industriellen Tierhaltung aufzeigen, wird durch weitere Rettungsaktionen des Animal Pride e.V. im Sommer 2020 deutlich. Zusammen mit Sabine Massler, der Ersten Vorstandsvorsitzenden des Vereins Lebenshilfe Kuh & Co e.V., konnte der Animal Pride acht Kühe aus Anbindehaltung von einem Bauernhof retten, die dem Verein kostenlos übertragen wurden.



Anbindehaltung
In der Milchindustrie werden Rinder auf Bauernhöfen mit Ketten am Hals fixiert und angebunden, wodurch sie sich nicht einmal mehr umdrehen können. Dies führt nicht nur zu psychischen Schäden, sondern auch zu körperlichen Beeinträchtigungen wie schmerzhaften Liegeschwielen, entzündeten Gelenken, Lahmheit sowie Einschnürungen und Quetschungen am Hals. Es ist nicht selten, dass die Tiere auf dem harten Boden in ihren eigenen Exkrementen liegen müssen. Dieses standardisierte Verfahren gilt als legal in allen Betrieben – egal ob Massentierhaltung oder beim vertrauenswürdigen Bauern von nebenan.



Von den ursprünglich geretteten acht Rindern sind mittlerweile nur noch sieben übriggeblieben. Aufgrund ihrer jahrelangen Isolation im dunklen Stall sind sie nicht sozialisiert und daher zeigen besonders zwei von ihnen aggressive Verhaltensweisen. Der psychische Schaden ist tiefgreifend und wurde auch bei der Rettung von Alma sichtbar, der Tochter der Kettenkuh Josefine, die später aus einem anderen Stall gerettet worden ist. Als Alma zu ihrer Mutter gebracht worden ist, ist es zu Mobbing durch die restlichen Kühe gekommen, weshalb sie schließlich mit den anderen geretteten Kälbern des Animal Prides zusammengeführt wurde, wo sie glücklicherweise integriert werden konnte.

Die Patenkinder heute

Nach einem weiteren Umzug leben die Patenkinder heute auf unterschiedlichen Höfen. Da der Verein für das Kälbchen Pride nur die Patenschaft übernommen hat und der Stiftung für Nutztiere „StiftNu“ gehört, ist Pride auf dem Kuhpensionshof Bänziger in St. Gallen untergebracht. Monatlich zahlt der Animal Pride 205 Franken und deckt somit Futter, Tierarzt und Versicherungskosten für das Kälbchen Pride ab.

Die “Kälbchen” im Winterquartier.
Foto: Christof Stelz.


Alle anderen Kühe gehören dem Animal Pride, doch auch sie finanzieren die Unterhaltung der Kühe nicht nur über das Vereinsvermögen, sondern auch über Patenschaften. Es gibt Vollpatenschaften, die bei 135 Euro liegen und Teilpatenschaften, bei denen es egal ist, ob man fünf oder dreißig Euro spendet.
Die Kettenkühe befinden sich noch immer auf dem Hof von Stefan Röck. Dieses Jahr können sie das erste Mal in ihrem Leben auf die Weide. Bisher ist dies nicht möglich gewesen, da sie mit den anderen Herden nicht zusammen geführt werden konnten.


Eine halbe Stunde entfernt liegt in Truchtelfingen der Hof von Hans Möhrle, der seinen Metzgerbetrieb eingestellt und stattdessen 2016 einen Pensionshof geschaffen hat. Seit November 2021 leben die geretteten Kälbchen hier, da es auf dem Hof von Stefan Röck zu eng geworden ist. Mittlerweile sind sie schon fast vier Jahre alt und kaum wiederzuerkennen. Obwohl sie alle abgemagert und krank zum Animal Pride gekommen sind, haben sich die nicht mehr ganz so kleinen Kälbchen trotz Langzeitfolgen stabilisiert. „Die Kälbchen bleiben unsere Kälbchen, auch wenn sie mittlerweile ausgewachsene Rinder sind“, erzählt Christof Stelz schmunzelnd.


Während des Winters von November bis Ende März oder Anfang April sind sie in einem Offenstall untergebracht und können bei gutem Wetter auch in dieser Zeit auf die angeschlossene Weide. Der Rest des Jahres ist Weidesaison.
So oft es geht, besuchen die Mitglieder des Animal Prides ihre Schutzbefohlenen. Nicht nur um zu sehen, wie es ihnen geht, auch um mit ihnen zu kuscheln. Denn Kühe sind wie so viele andere Tiere mehr als die Nutztiere, die wir Menschen aus ihnen gemacht haben.

Die ehemaligen Kälbchen auf der Wiese: Links steht Hannes, rechts daneben Uzivo.
Foto: Christof Stelz.
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