Von grünen und gelben Daumen

Grün, grün, grün sind alle coolen Studis – Hinter den Ohren oder im Daumen. Der Eintritt ins Studi-Leben bringt neben einer ordentlichen Portion Verwirrung auch die Anerkennung neuer, grüner Statussymbole, Werte und Wertanlagen mit sich.

Das Wissen über Pflanzen wächst proportional zur Studienlänge

Das Studium ist eine Zeit, in der man vor allem eines sein darf: Grün hinter den Ohren. Viele Dinge erlebt man zum ersten Mal – wobei man manche Erfahrungen vielleicht auch schon vor dem Studium gemacht haben sollte; für einen erfolgreichen Start. Und sind wir ehrlich, das Studium ist der erste wirkliche Kontakt zum Dokumentendschungel Deutschland. Nicht Akademiker:innenkinder lernen neue Worte wie Immatrikulation, Kommiliton:innen (Wie schreibt man das überhaupt?) oder AStA (Wofür ist der nützlich?) kennen.

Die Wege an der Uni sind für Studierende am Anfang genauso wirr und verzweigt wie die Adern eines Blattes. Foto: Malin Jachnow

Die Bibliothek ist ein großer und undurchdringlicher Urwald an konserviertem Wissen, der erst in dem Moment Sinn ergibt, in dem grüne Neulinge die Tatsache entdecken, dass die Mediothek ein größeres Angebot an Filmen besitzt als Netflix und Amazon Prime zusammen. Der eigentliche Schock dürfte jedoch beim Umzug vom heimeligen Elternhaus in die Studi-WG zu verarbeiten sein. Diese sind meist lebendige Biotope aus Bier- und Weinflaschen, Mottennester und Mitbewohner:innen. Hier findet das eigentliche Studi-Leben statt – mit allem, was dazugehört: politischen Debatten, Küchenpartys und Spieleabenden. Was natürlich auch nicht fehlen darf, ist der/die eine Mitbewohner:in, der/die einfach nur auf eines achtet und damit ja wohl “genug zum WG-Leben beiträgt”, nämlich seine/ihre Pflanzen.
Farblich passend zu dieser Passion sind natürlich auch der Lebens- und Kleidungsstil, die Ernährungsweise und die politische Einstellung.

Um das Bild abzurunden, bedarf es natürlich noch des grünen Daumens. Manchmal geht dieser doch eher in Richtung gelb oder braun – aber den richtigen Umgang mit Pflanzen kann jede Person erlernen.

Luna Levay

Einige YouTube-Videos und Instagram-Reels später sind die eigenen kleinen grünen Mitbewohner:innen zwar immer noch nicht gegossen, jedoch ist nun das Wissen über die Vorlieben und Vorteile von Efeutute, Monstera Deliciosa und Ficus Elastica gewachsen. Denn diese Big Three sind in so gut wie jeder WG und Wohnung zu finden, die von Studierenden bewohnt werden. Sie sind ein Statussymbol sondergleichen. „Schau her – wir können mit Pflanzen umgehen!”, „Hier weiß man, was humides Klima bedeutet und wie es erzeugt wird.”, „Keine Pflanze muss bei uns leiden – Wir sind die Pflanzenprofis!”, schreien Besucher:innen, die grünen Gefährt:innen aus den unterschiedlichsten Ecken von Küche, Bad und Schlafzimmer(n) zu.

Das Studierendenleben ist ganz schön bunt – oder eben grün. Vor allem dann, wenn die WG sich in einen Dschungel verwandelt. Foto: Malin Jachnow

Pflanzen als Wertanlagen

Wenn es am Ende des Monats doch einmal knapp werden sollte, bieten die gesammelten und mit Liebe gepflegten Pflanzen noch einen weiteren Mehrwert. Für wie viel Geld eine große, gesunde Monstera über die Ladentheke geht, ist unvorstellbar – unter 70 Euro kommt man nicht davon. Noch besser läuft es für private Verkäufer:innen im Internet. Dort sind nicht nur die ‚ausgewachsenen‘ Modelle heißbegehrt, sondern auch Mini-Setzlinge unterschiedlichster Art, zum Zeitpunkt des Verkaufs häufig nicht wirklich identifizierbarer Pflanzen, werden für fünf Euro das Stück gehandelt. Zusammen sind das ein Mensaessen und ein Kaffee. Also sollte man besser nachdenken vor dem nächsten Pflanzenkauf: Welche Sorte produziert am schnellsten die meisten Ableger? Aber auch: Welche wächst selbst am schnellsten und verdoppelt dadurch ihren Wert? Pflanzen als Wertanlage sind ein nicht zu unterschätzendes Gut – für Jung und Alt. Und schon ist aus einer grünen Lebenseinstellung eine Gelbe geworden. Schade darum, aber die Studi-Zeit war eine Lehrreiche.

Unerwartet aber sinnvoll: Auch Pflanzen können als Wertanlage dienen. Foto: Malin Jachnow

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