Fassade Buchhandlung

„Ich bin mein ganzes Leben lang gewandert“: Eine ganz besondere Buchhandlung und ihre Besitzerin im Portrait

Das blau-weiße Haus in der Münzgasse 10 ist eines, wie es in Konstanz so viele gibt. Es fügt sich mit seiner schrägen Fassade in den krummen Verlauf der schmalen Straße ein. Die dicken Wände lassen auf ein hohes Alter und die mittelalterliche Vergangenheit schließen. Für die Konstanzer Altstadt ein Haus wie jedes andere. Der Laden, den es beherbergt, ist dafür ziemlich einzigartig: Seit 23 Jahren führt Hille Cook hier die einzige englischsprachige Buchhandlung in ganz Baden-Württemberg.
The English Bookshop

Ihre Ausbildung zur Buchhändlerin hat sie noch in Mainz gemacht, danach war sie aber in der ganzen Welt unterwegs. Wenn man sich heute einen Beruf aussuchen wollen würde, mit dem man die Welt entdecken kann, fällt einem wahrscheinlich zunächst so etwas wie Travel-Blogger, Pilot oder Diplomat ein. Als Buchhändlerin die Welt entdecken – eine eher ungewöhnliche Assoziation.

„Ich habe mit zehn Jahren beschlossen, dass ich mir die Welt ansehen will, und das habe ich getan“

Nach ihrer Ausbildung hat sie in Buchhandlungen und Antiquariaten in London, Kent, New York und Istanbul gearbeitet.

Die Anlaufstelle für internationale Arbeitsplätze waren dabei immer wieder Buchmessen. Kurz nach Ende ihrer Ausbildung ist sie nach Amsterdam gezogen, ohne Erasmusberater oder universitäres Netzwerk, das sie an die Hand genommen hätten. Dazu gehört eine ganze Menge Mut:

„Kurz bevor ich gefahren bin, wollte ich eigentlich noch absagen, weil ich einfach Angst gekriegt habe – aber ich bin dann doch gefahren und habe es nie bereut“

Die Neugier auf die Welt, auf fremde Kulturen und neue Menschen spiegelt sich auch im Angebot des Ladens wieder.

Heute wird sie des Öfteren gefragt, wie es ihr denn in einer Kleinstadt wie Konstanz gefalle, nachdem sie so viel herumgekommen ist. „In Konstanz bin ich angekommen“, sagt sie. Die Stadt ist ruhig und schön, die Menschen angenehm und freundlich. Das wäre vermutlich anders, wäre sie davor nicht so viel gereist. Außerdem haben auch Kleinstädte ihren Reiz:

„Wissen Sie, man trifft überall nette und interessante Menschen, nicht nur in großen Städten. Man muss nur auf sie zugehen und mit ihnen reden.“

Und welcher Ort wäre besser dafür geeignet als eine Buchhandlung mit einem so internationalen Angebot.

Denn obwohl Amazon und Co. einen durchaus komfortablen Service bieten, können sie bis jetzt noch lange nicht das ersetzen, was eine Buchhandlung zu bieten hat. Wer in eine Buchhandlung geht, muss noch nicht wissen, was er sucht. In der Regel muss er noch nicht einmal wissen, dass er etwas sucht. Sich inspirieren und überraschen lassen, das geht in der Buchhandlung um die Ecke eben meistens doch am besten.

Im Laden selbst wird man dann von deckenhohen Holzregalen und einem gemütlichen Ohrensessel empfangen. Insgesamt ähnelt die Atmosphäre eher dem gemütlichen Kaminzimmer einer ausgesprochenen Leseratte als einem Geschäft. Bildbände, Kinderbücher und Klassiker reihen sich zusammen mit einer Biografie der Kardashians in das bunte Angebot ein.

Die Nachfrage sei schon 1993 da gewesen als sie den Laden eröffnete. Die Universität und das internationale und studentische Klientel, das diese in die Stadt bringt, waren von Anfang an ein wichtiger Standortfaktor.

„Ohne die Universität hätte ich den Laden nicht eröffnet.“

Neben der Pflichtliteratur für die Uni suchen die Studierenden vor allem leichte Lektüre. Aber auch dafür sei Literatur schließlich da – Lesen müsse nicht immer nur bilden, sondern dürfe eben auch nur zum Genuss und zur Entspannung dienen.

Beratung ist dabei das Allerwichtigste.

„Ich habe den Ehrgeiz, für jeden Kunden das richtige Buch finden zu wollen. Wenn die Kunden aus dem Laden gehen, dann sollen sie sich freuen. Auch wenn sie die Bücher verschenken wollen, versuche ich herauszufinden, welches Buch das Richtige sein könnte.“

Dafür muss das Angebot natürlich entsprechend bunt gemischt sein. „Wir sind kein Tante-Emma-Laden, sondern eher ein Delikatessen Geschäft“, schmunzelt sie. Auch Nicht-Leser sollen hier fündig werden:

„Ich hatte mal einen Kunden, der hat drei Jahre für einen Harry Potter Band gebraucht“

Aber auch solche Menschen kaufen Bücher und wollen richtig beraten sein. Wer so lange für ein Buch braucht, will schließlich sichergehen, dass es dann zumindest das Richtige ist.

Die Kunden sind dabei genauso gemischt wie die Lesegeschmäcker. Von Rentnern bis Kindern, die gerade erst Englisch lernen, ist alles dabei. Gerade ältere Menschen, die gar kein Englisch können, kommen oft einfach vorbei, weil sie mal sehen wollen, was ihre Enkel so lesen.

Über das, was sie direkt vor der Nase haben, lesen die Konstanzer aber offenbar nicht so gerne. Am Anfang hatte Hille Cook viele Bücher über den See und das Segeln im Angebot – die verkauften sich aber eher schlecht. Auch persönliche Interessen müssen manchmal hintenanstehen – der wirtschaftliche Aspekt muss immer mit bedacht werden.

„Ich habe die Erfahrung gemacht, dass jedes Buch verkäuflich ist, es ist nur eine Frage der Zeit. Ein Buch hatte ich fast zwanzig Jahre im Lager, bis ich es verkauft habe – aber das soll natürlich nicht die Regel sein.“

Wahrscheinlich passt es einfach gut zu einer Stadt im Herzen Europas eine Buchhandlung zu haben, in der Studenten, Touristen und Alteingesessene gleichermaßen fündig werden können. Bücher öffnen Welten und Hille Cooks Buchhandlung eröffnet einem gleich ein ganzes Universum, in dem Planeten aus Leder und Papier darauf warten, entdeckt zu werden.

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