„Ich hab‘ Angst vor dir (auch, wenn ich dich nicht kenne)“ – Die Sozialphobie im Porträt

„Ich habe ganz lange nicht wahrgenommen, dass die Gedanken und Ängste, die ich hatte, nicht ‚normal‘ waren. Ich war anfangs gar nicht wegen der Sozialphobie in Therapie, weil ich nicht wusste, dass ich diese überhaupt habe“, erzählt Nelly, eine Psychologiestudentin der Uni Konstanz, die unter anderem wegen einer sozialen Phobie in Therapie ist. Sie berichtet, wie sie soziale Angst erlebt und inwiefern psychotherapeutische Unterstützung ihr im Umgang mit dieser geholfen hat.

Dem Kind einen Namen geben

Die soziale Phobie ist sowohl im ICD 10-Klassifikationssystem der WHO („International classification of diseases“) sowie im DSM 5 („Diagnostic and statistical manual of mental disorders“) der American Psychological Association als von anderen Störungen abzugrenzende psychische Krankheit definiert. Das ICD 10 dient zur Diagnose jeglicher Krankheiten, die von der WHO als solche definiert wurden. Das DSM ist ein Werkzeug, um psychische Erkrankungen zu charakterisieren und diese bei Patient:innen zu diagnostizieren.

Obwohl die spezifischen Kriterien zur Diagnosestellung in den beiden Manualen in wenigen Punkten voneinander abweichen, beschreiben beide eine Störung, die von großer Angst vor sozialen Situationen geprägt ist.

Diese Situationen können zum Beispiel einfache Gespräche, der Kauf eines Bustickets oder das Treffen fremder Menschen sein. Auch Situationen, in denen eine Person unweigerlich im Zentrum der Aufmerksamkeit anderer steht, zum Beispiel bei Vorträgen, oder wenn die eigene Leistung bewertet wird, wie etwa in Prüfungen oder im Sport, können hier große Furcht auslösen.

Ich bin doch auch manchmal socially awkward?

Was die soziale Phobie von „normalem“, unsicherem Verhalten in oder Angst vor sozialen Situationen unterscheidet, ist der massive Leidensdruck, den Betroffene erfahren sowie die Einschränkungen des alltäglichen Lebens, die durch die Angst entstehen. Häufig kommt es dazu, dass Betroffene zunehmend soziale Situationen vermeiden, in denen sie sich unwohl, beobachtet oder verurteilt fühlen. Das kann auf der einen Seite dazu führen, dass es zu sozialer Isolation und damit zu Einsamkeit kommt. Dadurch werden sogenannte „korrektive Erfahrungen“, also Erlebnisse, die dem ängstlichen Menschen zeigen, dass in sozialen Situationen keine reale Gefahr droht, verhindert.

Verschiedene Lebensbereiche wie zum Beispiel Freundschaften, der Beruf, die Schule oder das Familienleben können massiv davon beeinträchtigt werden, wenn eine Person sich vermehrt aus ihnen zurückzieht und in dem Glauben bleibt, dies sei das Beste für sie selbst. Auf der anderen Seite können ausgeprägte soziale Ängste zu Depression und Kompensationsverhalten, zum Beispiel in Form von Drogenmissbrauch, führen. Zusammenfassend lässt sich also sagen: Die soziale Phobie kann vielschichtige negative Konsequenzen in verschiedenen Bereichen haben. 

Wieso, weshalb, warum treiben mich andere Menschen um?

Die Erfahrungen, die eine Person im Laufe ihres Lebens mit anderen Menschen in diversen sozialen Situationen macht, sorgen dafür, dass sich Verhaltensmuster für eben diese Situationen ausbilden. Diese helfen dem Individuum, eine unbekannte Situation zu erfassen, zu verstehen und in der Situation auf die eine oder andere Art zu handeln. Wenn ein Schema vorliegt, das soziale Situationen als gefährlich definiert, verschiebt sich der Aufmerksamkeitsfokus der Person zu sich selbst. Sicherheitsverhalten, das dem eigenen Schutz dienen soll, tritt auf und die Betroffenen erlebt Angst.

Nelly studiert Psychologie an der Uni Konstanz und ist unter anderem wegen einer sozialen Phobie in Therapie. Sie erzählt davon, wie sie soziale Situationen und damit verbundene Ängste erlebt und was ihr geholfen hat, besser mit ihrer Angst umzugehen.

Nelly hat allerdings erst im Rahmen ihrer psychotherapeutischen Behandlung herausgefunden, dass sie an einer sozialen Phobie leidet. Dabei hatte sie als Kind keinerlei Schwierigkeiten, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten geschweige denn, dass es sie gekümmert hätte, was diese von ihr hielten. Wann genau sich das geändert habe, kann Nelly nicht genau sagen. Jedoch hätten sich ab einem unbestimmten Zeitpunkt sorgenvolle Gedanken gehäuft, wie andere Nelly bewerten könnten.

Diese Gedanken à la „Die Leute beobachten mich. Den Leuten fällt auf, dass ich etwas Komisches mache. Die Leute verurteilen mich“ seien jedoch nicht durch ein spezifisches traumatisierendes Ereignis im sozialen Kontext hervorgerufen worden, was häufig bei von Sozialphobie Betroffenen der Fall ist, sondern die Symptome hätten sich eher schleichend entwickelt.

Schwitzen, erröten – ich muss zur Toilette oder mich übergeben!

Nelly hat ihre Therapie aufgrund ihrer Angst, sich selbst zu erbrechen oder anwesend zu sein, wenn jemand anderes dies tut, begonnen. Die sogenannte Emetophobie hängt häufig mit der sozialen Phobie zusammen, weil diese ebenfalls stark von körperlichen Symptomen wie zum Beispiel starkem Schwitzen, Angst vor Erbrechen, heftigem Harndrang oder Erröten in beängstigenden sozialen Situationen geprägt ist. Viele Betroffene erleben nicht nur Furcht davor, was andere über sie denken könnten. Ebenfalls treten in Situationen, vor denen die Betroffenen Angst haben, körperliche Stresssymptome auf.

Die sensitive Cringe-Antenne

„Leistungssituationen, in denen es um Sport geht, sind für mich ganz unangenehm. Aber auch im Bus ein Telefonat zu führen, finde ich unentspannt, weil ich dann das Gefühl bekomme, alle Mitfahrenden würden mir zuhören und komisch finden, wie ich rede, wie ich mich ausdrücke, welche Worte ich benutze“, berichtet Nelly. Sie erklärt, wie verschiedene Situationen unterschiedlich belastend für Menschen mit Sozialphobie sein können. „Prüfungen schreiben ist für mich zum Beispiel kein Problem“, sagt Nelly, „weil diese Situationen leistungsbezogen sind und ich relativ sicher weiß, dass ich das gut kann.“

Auch Interaktionen mit Fremden oder Aktivitäten, bei denen sie sich allein in der Öffentlichkeit bewege, wie zum Beispiel sich allein in ein Café zu setzen, seien für sie schwierig. Auch am Telefon eine Pizza zu bestellen, während Freund:innen im Raum seien, fühle sich komisch an. „Früher habe ich gedacht, ich finde einfach alles cringe. Als ich dann aber die Diagnose hatte, habe ich verstanden, dass Situationen häufig an sich gar nicht cringe sind, sondern ich sie nur aufgrund meiner Unsicherheit als solche empfinde.“ 

Auf der anderen Seite merkt Nelly an, dass sie durch die Feststellung der Sozialphobie nun noch mehr über sich selbst nachdenke und sich reflektiere, was in manchen Situationen auch hinderlich sein könne. Sie tendiere dazu, ihr Verhalten schnell im Sinne der Phobie zu deuten oder zu hinterfragen, inwiefern ihre Angst ihr Verhalten erklären könnte. Dennoch versucht Nelly stets sich daran zu erinnern, dass andere Menschen meist viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt sind, um sich ernsthaft Urteile über andere, zu bilden. „Seit ich weiß, dass ich eine soziale Phobie habe, ist es für mich leichter, anderen Menschen zu erklären, warum ich mich in manchen Situationen unwohl fühle. Dadurch kann ich auch meine Bedürfnisse viel klarer kommunizieren und zum Beispiel Bescheid geben, wenn ich ein Problem habe oder die Hilfe von jemand anderem brauche.“

Ich bin dann mal raus

Viele sozialphobische Menschen ziehen sich stark aus sozialen Interaktionen, die ihnen Stress und Angst bescheren, zurück und entwickeln ein häufig destruktives Vermeidungsverhalten. Nelly beschreibt sich als sehr extravertierte Person, die gerne mit anderen Menschen Zeit verbringt. „Man kann eine Sozialphobie auch so gut kaschieren, dass niemand davon mitbekommt“, erklärt Nelly. „Nur, weil man eine soziale Phobie hat, heißt das nicht, dass man gleichzeitig eine introvertierte Person ist.“

Wer hat Angst vor dem Monster unter dem Bett?

In Deutschland sind etwa 2,3 Prozent sozial phobisch, wobei der Anteil an betroffenen Frauen doppelt so hoch ist wie der der Männer. Warum das so ist, lässt sich schwer sagen. Allgemein sind Frauen im Schnitt häufiger von Angststörungen betroffen als Männer. Die Frage nach den Anteilen von genetischer Anlage und Umweltfaktoren in der Entwicklung psychischer Krankheiten beschäftigt die Forschung seit langem. Noch gibt es keine eindeutige Antwort, wie psychologische Geschlechterunterschiede zu erklären sind.

Face your fears – Was hilft bei sozialer Phobie?

Um der Emetophobie zu begegnen, ist es wichtig, das Essverhalten wieder zu lockern, weil viele Betroffene durch die Angst, sich übergeben zu müssen, nur wenig oder sehr selektiv Nahrung zu sich nehmen. Hierbei hilft es zum Beispiel auch, in Restaurants oder bei anderen Freund:innen zu Hause zu essen, wo man die Speisen nicht selbst zubereiten kann.

Nelly bekommt von ihrem Psychotherapeuten regelmäßig Hausaufgaben, die sie bis zur nächsten Sitzung in ihrem Alltagsleben umsetzen muss. Diese „Expo-Aufgaben“ folgen dem Paradigma der Expositionstherapie. Diese Methode aus der Schule der Verhaltenstherapie geht davon aus, dass mit vermehrtem Kontakt mit einem Objekt oder einer Situation, die Angst vor diesem/dieser geringer wird, weil man sich an den Reiz, der Angst auslöst, gewöhnt. So, wie Menschen, die Angst vor Schlangen haben, in der Therapie Bilder von Schlangen gezeigt bekommen, hat sich Nelly Videos angesehen, in denen Menschen sich übergeben. Die Exposition erfolgt immer nur so lange, wie es Patient:innen aushalten.

„Als Expo-Übungen für die Sozialphobie bekomme ich zum Beispiel die Hausaufgabe, bis zur nächsten Sitzung zweimal allein in ein Café zu gehen, dort etwas zu trinken und auch sitzen zu bleiben. Grundsätzlich ist die Idee, sich in Situationen zu begeben, in denen man sich unwohl fühlt, um dort zu versuchen, das eigene Verhalten anzupassen und sich zu entspannen.“

Nelly betont, dass die Arbeit mit einer:m Therapeut:in definitiv zu empfehlen ist, weil dadurch ein äußerer Anreiz geschaffen wird, das eigene Verhalten tatsächlich zu verändern. „Wenn man allein an den eigenen Ängsten arbeiten möchte, kann man sich noch so viel vornehmen das eigene Verhalten zu verändern, wie man will. Es ist super einfach, Entschuldigungen zu finden, warum man es nicht tun muss. Wenn man das eigene Verhalten aber einmal pro Woche mit einer:m Therapeut:in reflektieren muss und auch realisiert, dass das gezeigte Vermeidungsverhalten nicht gut war, hat man definitiv einen stärkeren Anreiz, sich weiter mit der eigenen Angst zu konfrontieren. Vor allem weil Therapeut:innen ja niemals sagen werden: ‚Sie sind so ein:e Versager:in, weil sie Ihre Expo-Übung angebrochen haben‘, sondern eher versuchen werden zu fragen, woran das lag und ob die Übung vielleicht noch ein bisschen zu schwer war.“ 

Psychologie des täglichen Lebens

In ihrem Alltagsleben hilft es Nelly andere bei Verunsicherung einfach zu fragen, was sie gerade über sie denken. „Ich habe manchmal Angst, zu viel über mich selbst zu erzählen. Da hilft es wirklich, einfach nachzufragen, ob die Menschen, mit denen ich zusammen bin, das auch so wahrnehmen“, sagt Nelly dazu. „Außerdem hilft es mir sehr zu wissen, dass ich eine Situation zwar gerade unangenehm finde, aber danach stolz darauf sein werde, wenn ich es geschafft habe, meine Angst zu überwinden. Ich erzähle auch gerne engen Freund:innen oder meinem Therapeuten, wenn ich ein Erfolgserlebnis hatte.“

Ping-Pong

Nelly nutzt in ihrem Alltagsleben eine Metapher, in der soziale Interaktionen mit einem Tischtennisspiel verglichen werden. Eine freundliche Kontaktaufnahme mit einer anderen Person ist wie ein guter Aufschlag. Wird dieser aber schlecht zurückgespielt oder die andere Person entschließt sich, den Ball durch den ganzen Raum zu schießen, liegt das nicht daran, dass der Aufschlag missglückt ist, sondern, dass er in ungünstiger Weise angenommen wurde. Analog dazu schlussfolgert sie „Je höflicher man zu anderen ist, desto wahrscheinlicher ist es auch, dass die Person auch nett reagiert“ und fügt hinzu, dass ihr die Tischtennis-Metapher dabei hilft, die Reaktionen anderer nicht zu stark auf sich zu beziehen und die Verantwortung dafür, wie es anderen geht, nicht auf sich zu nehmen.

Angststörungen haben außerdem sehr gute Prognosen was eine Heilung oder Besserung der Symptomatik anbelangt. Aus diesem Grund empfiehlt es sich noch einmal mehr, therapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen, um sich bei diesem Prozess begleiten zu lassen.

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