Warum „decentering men“ feministische Praxis ist

Meine utopische Vorstellung wäre es, wenn Männer es schaffen würden, sich einander emotional zu öffnen und füreinander da zu sein, wie Schwestern füreinander da sind, damit wir keine weitere Schwester mehr in unseren Kreisen verlieren müssen. In dem Kommentar geht es darum, wie der Geschlechterkampf im Internet ausgetragen wird und wie feministische Bewegungen auf stärker werdenden Sexismus im 21. Jahrhundert reagieren. Dabei geht es vor allem um die Praxis „decentering men“, wobei es sich um ein Prioritätenverschiebung von dem Wunsch nach der Anerkennung eines Mannes zurück zur Selbstbestimmung zur FLINTA selbst handelt.

Ich wünschte, ich wäre schon früher keine „Men centered Women“ (MCW) gewesen – ich glaube, es geht vielen Frauen/FLINTAs*1 so. Die Oma konnte sich nicht von ihrem gewalttätigen Mann trennen, die Mutter nicht von dem emotional unreifen Vater und man selbst nicht von dem manipulativen alternativen Typen. Der gesellschaftliche Wert einer FLINTA war lange daran gekoppelt, von Männern ausgewählt zu werden. Das war überlebensnotwendig. Wenn sie finanziell oder sozial abgesichert sein wollte, war die Partnerschaft oder Heirat mit einem Mann fast die einzige Option, dies zu gewährleisten.23 Heutzutage ist das nicht mehr so, allerdings spüren trotzdem noch viele weiblich sozialisierte Menschen den Druck, Männern gefallen zu müssen oder ihren eigenen Wert an deren Anerkennung zu koppeln.

Foto: Sophie Wieners

Geschlechterkampf im Netz

In den sozialen Medien scheint sich das Blatt gewendet zu haben: Die renommierte Zeitschrift Vogue hat letztes Jahr einen Beitrag mit dem Titel “ Is Having a Boyfriend Embarrassing Now? ”4 herausgegeben. Es wird in feministischen Kreisen darüber gestritten, ob die Äußerung “Ich hasse Männer” akzeptabel ist, um die eigene Wut zum Patriachat zu verbalisieren. Zudem sprechen immer mehr FLINTAs* davon, Männer zu dezentrieren. Es wird von „decentering men“ gesprochen, was so viel bedeutet, wie, dass die männliche Anerkennung einen deutlich weniger hohen Stellenwert in den eigenen Entscheidungen und der eigenen Lebenswelt tragen soll.5

Auf der anderen Seite finden frauenverachtende Bewegungen im Internet vielfach Beachtung. So scheint die INCEL-Bewegung in der männlichen Sphäre des Internets immer größer und extremer zu werden67. INCEL steht für involuntery celibate (unfreiwillig im Zölibat). Es handelt sich hier also um Männer in einer sozialen Community im Netz, welche zwar gerne Sex mit Frauen hätten, diesen aber nicht “bekommen”. Diese ganze Szene hat einen komisch-ekligen Beigeschmack, da sie oftmals davon spricht, ein Anrecht auf ihre sexuelle Befriedigung zu haben. Der Influencer und „Looksmaxxer“ Clavicular gewann in jüngster Zeit immer mehr an Popularität in den Vereinigten Staaten. Dieser Influencer bewertet das Aussehen und die Gesichts-Harmonie anderer Männer, um deren sexuellen Wert (SV= sexual value) auf dem Dating-Markt einzuschätzen.  Seiner und der INCEL-Bewegungs Meinung nach haben nur besonders attraktive Männer die Chance auf sexuelle Begegnungen mit Frauen.8 Clavicular selbst wird vorgeworfen, sich Frauen gegenüber übergriffig zu verhalten, Prostitution zu bewerben und allgemein einen abwertenden Umgang mit Frauen zu pflegen. 910

Foto: Sophie Wieners

Sexismus in der analogen Welt

Mit dieser frauenfeindlichen Bewegung im Hinterkopf, ist es keine große Überraschung, dass FLINTA*s immer mehr in ihrem Leben Männer dezentrieren wollen. Die feministische Praxis dessen wäre also, dass sie emotionale, intellektuelle und häusliche Ressourcen nicht primär in Männer investieren. Insgesamt handelt es sich also um eine Prioritätenverschiebung zu Gunsten der Selbstbestimmung der FLINTA*. 11 In der analogen Welt ist der Kontakt mit Männern für FLINTAs* nicht weniger gefährlich. Geschlechtsspezifische Morde an FLINTAs*, Diskriminierung in der Care-Arbeit und im Job, Belästigung und Übergriffe, stehen auf der Tagesordnung 12. Auf der anderen Seite verfallen immer mehr Männer konservativer oder rechter Ideologie13. Zudem werden sie noch Opfer ihrer eigenen Sozialisierung. Sie gehen weniger zum Arzt14, haben weniger emotionale Bindungen außerhalb von Paarbeziehungen15, sind öfter gewalttätig; auch untereinander16, und begehen öfter Selbstmord17. Allerdings ist es unumstritten, dass diese immer noch erheblich von den Privilegien des Patriarchats profitieren. Sie sind deutlich besser finanziell abgesichert18, sind in der Politik überrepräsentiert19, leisten erheblich weniger Care-Arbeit20, Medizin und Pharmaindustrie orientieren sich vorwiegend am männlichen Körper21, Verhütung ist Frauensache, Vergewaltiger erleben geringe Strafen 22 und so weiter und so fort…

Foto: Sophie Wieners

Wie kann man das Patriarchat “zerstören”?

Was ist jetzt die Lösung? Wie kann man das Patriarchat “zerstören”? Ich bin ehrlich, ich habe keinen Bock mehr, die emotionale Arbeit der Männer hier zu übernehmen. Ich habe keine Lust, jeden Mann darüber aufzuklären, was Sexismus oder Feminismus ist. Ich werde es wahrscheinlich trotzdem so oft tun, wie ich kann. Was ich mir aber wirklich wünschen würde, wäre, dass Männer, welche von sich behaupten feministisch zu sein, auch klare Kante zeigen: dass Männer auf übergriffiges und sexistisches Verhalten öffentlich aufmerksam machen, dass Männer sich ihrer Privilegien bewusst sind und nicht ausnutzen und dass sie auch unbequeme Kritik von Feminist:innen annehmen und ihre Rolle im Patriarchat immer wieder neu reflektieren, all das wäre absolut wünschenswert.

Meine utopische Vorstellung wäre es, wenn Männer es schaffen würden, sich einander emotional zu öffnen und füreinander da zu sein, wie Schwestern füreinander da sind, damit wir keine weitere Schwester mehr in unseren Kreisen verlieren müssen. Ich glaube, diese Internettrends spiegeln viele Probleme unserer aktuellen Gesellschaft wider und es ist wichtig, diese Trends zu beobachten und einzuordnen. Werden wir durch feministische Diskussionen im Internet das Patriarchat überwinden? Meine Antwort ist: teilweise. Allerdings sind die Probleme im Patriarchat systematisch und es wird wahrscheinlich noch Jahre dauern, dieses System zu überwinden. Ist es also peinlich, einen Boyfriend zu haben? Ich würde sagen: “It depends.”. Wenn der Partner ein sexistischer Typ ist, dann sollte man diesen Typen auf jeden Fall „decentern“. Noch peinlicher ist es allerdings, selbst ein sexistischer Typ zu sein.  Am Ende ist es natürlich individuell zu bewerten und eine Frage der Präferenz, welche Art von Partner:in und Partnerschaft eingegangen wird. Den kompletten Lebensinhalt oder den eigenen Wert in einer romantischen Beziehung zu suchen, ist jedenfalls nicht empfehlenswert. Ich für meinen Teil bin jedenfalls froh, weniger eine MCW zu sein. Und unglaublich dankbar für meine Gemeinschaft und Freund:innen.

1 FLINTA* ist ein Akronym aus dem Queerfeminismus, das für Frauen*, Lesben*, Inter*, nicht-binäre, Trans* Personen und Agender (geschlechtslose) Menschen steht)

2 https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/015988/2024-12-13/ – Geschlechterrollen, das Historische Lexikon der Schweiz (HLS)

3 635 Blaustrümpfe, Emanzen, Rabenmütter. Der steinige Weg zu Gleichberechtigung

und Selbstbestimmung Michaela Karl

4 https://www.vogue.com/article/is-having-a-boyfriend-embarrassing-now

5 https://www.glamour.de/artikel/boysober-4b-celibacy-decentering-men-erklaert

6 https://story.ndr.de/incels/index.html

7 https://www.bpb.de/themen/rechtsextremismus/dossier-rechtsextremismus/516447/incels/

8 https://www.bbc.com/news/articles/cx28z4zypkno

9 https://www.bbc.com/news/articles/cr513g72vqgo

10 https://www.wired.com/story/streamers-like-clavicular-are-humiliating-onlyfans-girls-for-clout/

11 https://www.glamour.de/artikel/boysober-4b-celibacy-decentering-men-erklaert

12 https://www.institut-fuer-menschenrechte.de/fileadmin/Redaktion/Publikationen/Fact_Sheet/Factsheet_Monitor_Im_Fokus_Femizide_in_Deutschland.pdf

13 https://www.deutschlandfunk.de/gen-z-wahlverhalten-gender-gap-100.html

14 https://www.aerzteblatt.de/news/maenner-druecken-sich-haeufiger-vor-arztbesuch-f410327e-7f4c-4e47-bd46-92bd615c8067

15 https://www.srf.ch/news/gesellschaft/geschlechterunterschiede-emotionale-stuetze-maenner-sind-mehr-auf-partnerin-angewiesen

16 https://www.gesine-intervention.de/gesine-maenner/maenner-als-gewalttaeter/

17 https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Gesundheit/Todesursachen/Tabellen/suizide.html

18 https://bankenverband.de/verbraucher/doppelt-im-nachteil

19 https://www.destatis.de/DE/Themen/Laender-Regionen/Internationales/Thema/allgemeines-regionales/frauenanteil-parlamente.html

20 Deutscher Bundestag Titel: Gender Care Gap im europäischen Vergleich

Untertitel: Aktuelle Daten und Studien Gender Care Gap im europäischen Vergleich Aktuelle Daten und Studien

21 https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/beim-arzt-geht-es-oft-nur-um-den-mannlichen-normkorper-3387205.html

22 https://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/vergewaltigung-und-keine-haft-strafen-sollen-auf-pruefstand,strafe-100.html

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