Zum Angriffskrieg in der Ukraine am 24. Februar 2022

Wie viele von euch, haben auch wir die letzten Tage intensiv die Nachrichten verfolgt. Während sich die Ereignisse überschlagen, versuchen wir als Campuls-Redaktion das Geschehene für uns einzuordnen.

Hannah

Erst Corona und dann das. Ich hatte gerade das Gefühl, etwas aufatmen zu können. Auf einmal heißt es Krieg. Was ein Zufall es ist, hier und nicht 1.580 Kilometer weiter geboren zu sein. Wie kann es einem Mann so egal sein, dass Menschen einfach leben wollen. Leben und nicht kämpfen. Ich kann das alles nicht verstehen. Wie schon in der letzten Krise heißt es jetzt Zusammenhalten. Laut sein und zeigen: Wir wollen keinen Krieg!

Livia

Die erste Meldung am Donnerstagmorgen auf meinem Handy lautet: „Russland marschiert in die Ukraine ein – Angriffe im ganzen Land vermeldet.“ Ich habe lange mit mir gehadert, was ich hier schreiben soll und wie ich meine Gedanken in Worte gefasst kriege. Die ganze Situation ist absurd. Während bei uns in Konstanz die Narren feiern, teilweise auch ohne Abstand und Masken – man sollte nicht vergessen, wir sind immer noch in einer Pandemie – greift Putin den unabhängigen Staat Ukraine an, um Verhältnisse aus den Zeiten der Sowjetunion wiederherzustellen.

Eine Freundin schreibt mir: „Die letzten Tage Nachrichten zu sehen, machen mich traurig.“ Ich bin nicht traurig. Ich bin vor allem bestürzt. Aber auch wütend. Wütend darauf, dass jemand im Jahr 2022 in einen unabhängigen Staat in Europa nach 80 Jahren wieder einmarschiert, Wörter wie „Völkermord“ und „Entnazifizierung“ in den Mund nimmt – ohne einen Gedanken an die geschichtsträchtige Bedeutung dieser Wörter zu verschwenden – und unsere Politik vermutlich nicht mal wirklich etwas dagegen unternehmen kann.

Russland sitzt im UN-Sicherheitsrat und besitzt ein ständiges Veto-Recht. Eine gemeinsame Erklärung oder sogar eine Resolution – aussichtslos. Die NATO? Machtlos. Die Ukraine ist (noch) kein Mitglied. Die Osterweiterung, die Russland so fürchtet ist einer der Gründe, warum wir uns in dieser Lage befinden. Diplomatie und symbolische Ermahnung und auch Sanktionen haben nichts gebracht. Da hatte Russland bereits eine militärische Operation geplant. China redet von Zurückhaltung und dementiert eine russische Invasion. Gerade dieses Regime redet doch immer von „territorialer Integrität und Souveränität.“ Die Europäische Union verhandelt dagegen immer noch Sanktionen, der Stopp Nord Stream 2 – ein Anfang.

Ein ehemaliger Kommilitone schreibt mir, dass seine Freunde in der Ukraine entweder der Armee beitreten, irgendwie fliehen oder noch in Odessa, im Südwesten der Ukraine, bleiben mussten und nun heftig bombardiert werden. Heute sind wir in einem anderen Europa, in einer anderen Welt aufgewacht, hat Annalena Baerbock gesagt. Ein Europa, dass sich unsere Großeltern bestimmt nicht für uns gewünscht hätten. Und ein Krieg, der für die Ukrainer:innen schon seit acht Jahren schwelt und niemand von ihnen wollte – wegen des Wunsches nach Freiheit, Identität und Unabhängigkeit.

Paul

Was soll man sagen, an so einem Tag?
Panzer rollen durch Europa
Wo gestern der hoffende Friede lag
Liegen Trümmer heute und Tote

Drohkulisse, Krieg und Beistandspflicht
Staaten, die sich in Solidarität vereinen
Am Ende hilft das den Menschen nicht
Denn Menschen sind es, die jetzt leiden

Die Pandemie, die Alltagssorgen
Die Kochrezepte, die ich so gerne mag
Scheinen unbedeutend von heut’ auf morgen
Was soll man sagen, an so einem Tag?

Jamie-Lee

„In Europa herrscht Krieg.“ Das war mein erster Gedanke, gefolgt von panischer Angst. Angst um den Frieden in Deutschland, Angst um das Leben meiner Familie und Freunde, Angst um fremde Menschen, die jetzt um ihr Leben bangen. Mein Herz blutet, wenn ich an die ukrainische Bevölkerung denke und auch an die russische. Denn das Volk will niemals Krieg. Es sind immer die Obrigkeiten, Despoten und Narzissten, die einen Krieg starten, aber sich selbst nicht die Hände schmutzig machen.
An dieser Stelle möchte ich anstatt nur meinen Weltschmerz und Tränen, ein wahres Schicksal teilen. Der Anonymität wegen werde ich keine näheren Details geben, woher ich diese Geschichte kenne.

Derzeit versucht eine Person ihre russische Staatsbürgerschaft loszuwerden, weil sie zu Kriegsbeginn eine Nachricht erhalten hat, dass sie eingezogen werden soll, um mit in den Krieg zu ziehen. Früher war diese Person in Russland bei der Polizei tätig, lebt jetzt jedoch schon seit langer Zeit mit der eigenen Familie in Deutschland. Dieser Mensch möchte nicht in den Krieg ziehen, denn ein Teil seiner Familie lebt in der Ukraine. Diese Person will nicht gegen ihre Verwandten kämpfen. Dennoch muss sie zur polnischen Grenze, um dort Verwandtschaft, die auf der Flucht sind, abzuholen. Man möchte sich nicht vorstellen, was mit solchen Menschen passieren könnte, denen gedroht wird, dass sie wegen Hochverrats verfolgt würden, kommen sie diesen Aufrufen nicht nach. Das ist mit Sicherheit kein Einzelschicksal, denn im Krieg ist das kollektive Schicksal das, was das Schicksal der Einzelnen besiegelt. Das hat die Vergangenheit schon oft genug gezeigt. Kein Wunder, dass die ältere Generation, die schon einen oder sogar zwei Weltkriege miterlebt hat, mit angsterfüllten Blicken dasitzt. Diese Angst überträgt sich wie ein Schatten auf die Bevölkerung. Anteilnahme reicht nicht aus, wir müssen handeln – aber gleichzeitig gefährden wir uns damit selbst.

Für manche von uns kommt das alles ganz plötzlich, dabei ist dieser Krieg etwas, das sich angestaut hat. Mein erster Gedanke hätte heißen müssen: “Der Krieg zeigt sich.” Denn eigentlich herrscht in Europa immer wieder Krieg, kleine Kriege, Bürgerkriege und kriegsähnliche Krisen.
Wir leben in einer Welt, in der Leben keinen Wert mehr hat, Politiker:innen von der Realität entfernte Entscheidungen treffen und alles, was wir tun können, ist warten und hoffen.

Steffen

Die Sonne scheint durch das Fenster an einem Morgen, der mit einem flauen Gefühl beginnt. Die Drohgebärden haben ihre Spuren hinterlassen, Dinge die man vielleicht noch nicht konkret aussprechen möchte, sind im Hinterkopf denkbar geworden. Ein Kriegstreiber, der vor Konsequenzen, “wie man sie noch nie gesehen hat”, warnt, kann nur eines vorhaben: Die Angst vor einer nuklearen Apokalypse zumindest aufzurufen, wie realistisch dieses Szenario auch sein mag.

Meine Wut richtet sich darauf, wie hilflos die einzige Methode ist, die wir dagegen haben, nämlich darüber zu schreiben, und wie gut diese Abschreckung auch bei mir funktioniert. Die Bilder von Raketen flackern über den Bildschirm, Hubschrauber senken sich langsam auf einen Flughafen herab wie gierige, tötende Insekten. In den Kampfgebieten sind die Bilder, die vielleicht irgendwo in den Hinterköpfen schlummerten, sehr real geworden. Eine (relativ) kleine Nation kämpft mit den Waffen, die eine viel größere vor langer Zeit einmal gebaut haben, gegen eben diese. Einige Nachbarn und Freunde haben moderne Ausrüstung geliefert, viele andere aber auch nicht. Das Risiko für Goliath ist deshalb nicht allzu groß. Niemand hat in dieser Geschichte David eine funktionierende Steinschleuder überlassen.

Worum gekämpft wird – das ist schon schwieriger zu beantworten. Im April 2020 habe ich Andrej Kurkow interviewt. Einen ukrainischen Autor, der auf Russisch über die Situation im Donbass ein Buch veröffentlicht hat. Darin lässt er die Mentalitäten, die seiner Ansicht nach auf dem Territorium der Ukraine seit dem Zusammenbruch der UdSSR aufeinanderprallen, zu Wort kommen. Da er auch versucht, die russischen Ukrainer verständlich zu machen, wurden ihm von Seiten der ukrainischen Nationalisten schwere Vorwürfe gemacht. Auch wenn „Graue Bienen“ sicher ein ukrainisches Buch ist. Verständnis für “den Gegner” ist nicht beliebt, egal welchem Zweck es dient, wenn es tatsächlich um den Konflikt von Mentalitäten geht. Seitdem und besonders in der Nacht auf Donnerstag ist dieser Konflikt ein anderer geworden. Die Frage nach dem Warum ist damit aber nur drängender geworden, die möglichen Ergebnisse aber kaum anders.

Für Kurkow rollte die Front lange auf Russland zu. Keine, vor der man dort wirklich Angst haben musste. Ohne Gewehre, dafür mit Pressefreiheit, Rechten für das Individuum und einem Ende der russischsprachigen Lokalmafia. Dagegen wurde zunächst mit Propaganda geschossen. Das half so gut, dass die Schüsse scharf wurden, lokale Kräfte stellten sich Kiew entgegen, bis sie vor allem eines wollten – ein Ende des Krieges, den sie begonnen hatten. Da sprangen russische und prorussische Milizen ein. Als der Krieg auf dieser Schwelle am Rande der internationalen Aufmerksamkeit vor sich hin köchelte, sprach ich mit dem ukrainischen Autor.

Was bedeutet also diese Nacht und die verhängnisvolle Rede von Wladimir Putin, wenn man diese Gedanken weiterverfolgt? Vielleicht ist es die letzte Chance, den Boden einer versunkenen Diktatur zu retten, bevor er von dem westlichen Gegner vollständig erobert ist. Sprich, so frei geworden und an die Freiheit gewohnt, dass sich der Einfluss eines lupenreinen Diktators nicht mehr etablieren ließ.

Offenbar haben die Propaganda und die asymmetrische Kriegsführung, die uns so lange als die Fahrtrichtung der modernen Konflikte vorgegeben wurden, nun doch versagt in einer Öffentlichkeit, die sich langsam an eine freie Presse und demokratische Entfaltungsmöglichkeiten gewöhnte. Da griff der Mann im Kreml auf die Methode zurück, mit der gewaltbereite Menschen wahrscheinlich schon die ersten Hütten dominierten. Er wendet Gewalt in ihrer ursprünglichsten Form an. Nur dass die Welt in ihrem Fortschritt ihn dafür mit Panzern, Marschflugkörpern und modernsten Kampfjets ausgerüstet hat. Ein Höhlenmensch mit ultra modernem Knüppel.

Der ukrainische Frühling begann im November 2013 auf dem Maidan, ich hoffe wie sicherlich die meisten Europäer:innen, dass er nicht mit diesem 24. Februar 2022 endet. Der Prager Frühling dauerte nur etwas über sieben Monate, bis die Panzer kamen. Vielleicht haben diese acht Jahre den Grundstein für etwas gelegt, das nicht einmal Kampfjets besiegen können…

Julia

Here we go again. Nach zwei Weltkriegen, dem kalten Krieg  und den Jugoslawienkriegen muss Europa wieder mit ansehen, wie eines seiner Länder angegriffen wird, wie wieder Gewalt und Zerstörung Einzug hält. Weil ein paar Machthungrigen das größte Land der Welt zu klein wird, weil sie Freistaatlichkeit und die eigenen Entscheidungen eines Landes über die eigene Sicherheitspolitik nicht anerkennen können, weil sie sich von freiheitlichem Denken und der Demokratie bedroht fühlen, müssen unschuldige Menschen leiden, fliehen, kämpfen, sterben. Verlieren Menschen ihr zu Hause, ihre Hoffnung, ihre Zukunft. 

Und was macht der Rest Europas? Er schaut zu, verspricht die Unterstützung für alle NATO-Bündnispartner. Aber was ist mit der Ukraine, die kein Mitglied dieses Bündnisses ist?  Lassen wir sie im Stich? Oder unterstützen wir sie?

Krieg in Europa. 2022. Was für eine Schande. Was für ein Desaster. Etwas, für das mir die Worte fehlen.

“Wir haben in diesen düsteren Tagen die Chance zu zeigen, für was Europa steht. Welche Werte uns wichtig sind. Dass Krieg niemals eine Option sein kann. Dass die Grenzen souveräner Staaten nicht durch Gewalt verändert werden können. Dass kultureller, wirtschaftlicher, diplomatischer Austausch das Mittel der Wahl ist. Lasst uns zeigen, wer wir sind. Lasst uns Russland klar machen, dass wir einen Einmarsch in die Ukraine nicht dulden können. Lasst uns zusammen stehen. Denn ein Ziel wird Putin nicht erreichen können: Dass wir in unseren Werten entzweien.”

Anmerkung der Redaktion: Heute, am Samstag, den 26. Februar 2022, findet um 18 Uhr auf dem Münsterplatz in Konstanz eine Kundgebung statt, um gemeinsam für Frieden einzustehen und Solidarität mit den Menschen in der Ukraine zu bekunden.

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