Anarchistische Herzen und das wilde Life – Eine neue Lesereihe in Konstanz

Bisher war das Angebot für Literaturbegeisterte in Konstanz begrenzt und vielleicht ein bisschen angestaubt, während sogar Singen ein eigenes Literaturfestival hat. Das soll sich ändern, denn es gibt eine neue Lesereihe, die junge, spannende Literatur zu uns nach Hause bringen will. Unsere Redakteurin Hanna Seidel war bei der ersten zwischen/miete am 14. Juli dabei und sammelt hier ihre Eindrücke für euch.

Es ist ein steiler Aufstieg zur WG in Allmannsdorf, wo die erste „zwischen/miete“, eine neue Lesereihe in Konstanz, stattfinden soll. Die genaue Adresse wurde erst beim Ticketkauf, oder, in meinem Fall, in der Presseeinladungsmail verraten, was ich angenehm mysteriös finde. Ich komme mit dem Fahrrad an, verfahre mich einmal und muss das letzte Stück schieben, weil ich es sonst nicht den Berg hinaufschaffe. Die Lesung findet in einem normalen Wohnhaus statt, besser gesagt im Wohnzimmer einer WG, die sich das „Weinkischtle“ nennt. An der Decke hängt ein kleiner Kronleuchter, die Wände werden von Plattencovern geschmückt und aus dem großen Fenster hat man einen fantastischen Blick auf die Bergkuppen in der Ferne. Das ist mir schon alles sehr sympathisch, dann wird noch ein Glas Sekt zum Anstoßen mit dem Team angeboten. Allerdings frage ich mich, wie viele Menschen sich später in dieses Wohnzimmer quetschen können. 

Bisher sind noch keine Gäste da, aber auf dem Balkon sitzt schon die Hauptperson des Abends: Autorin Lisa Krusche. Zusammen mit Lisa Bellmann, der Initiatorin der Konstanzer „zwischen/miete“, können wir uns schon kurz über das neue Lesungskonzept und Krusches Bücher unterhalten. Lisa Krusche kommt aus Hildesheim, hat Germanistik, Kunstwissenschaft und später literarisches Schreiben studiert. Sie nahm 2019 beim open mike teil und liest bei der „zwischen/miete“ aus ihrem Debütroman „Unsere anarchistischen Herzen“.  Passend zur WG-Atmosphäre sitzt sie lässig mit angewinkeltem Knie auf der Bank, dank der sommerlichen Temperaturen trägt sie eine geblümte Pumphose, Tanktop und Cap. Auf Instagram postet sie Outfit-Selfies aus dem Spiegel in ihrem Treppenhaus, ich bin Fan. Zuerst will ich wissen, ob sie es auch cooler findet vor der Lesung rauchend auf dem Balkon zu sitzen statt in irgendeinem Literaturhaus. „Schreib das nicht, meine Mama weiß das nicht“, sagt sie und wir lachen. Sie findet es aber auch „ein voll schönes Setting“ und „schön, dass es ein studentisches Publikum ist“. Das passt vielleicht auch zum Inhalt des Buchs. Es geht um die Freundinnen Gwen und Charles, die sich zusammen durch die Abenteuer der Selbstfindung und des Erwachsenwerdens schlagen, eben das „wilde life“ suchen. 

Lisa Krusche liest bei der “zwischen/miete” aus ihrem Buch vor. Foto: Kim Ankermann

Charles muss mit ihren Hippie-Eltern in die Provinz ziehen und findet nur an einem Kiosk und im Internet Trost. Ihre Begleiterin ist außerdem eine Zimmerpflanze. Gwens Eltern sind reich, was sich unanständig anfühlt und nicht automatisch glücklich macht. Als die beiden sich treffen, ist ihre Freundschaft beinahe schicksalshaft. Lisa selbst betont, dass es ihr darum geht Frauenfiguren zu schaffen, die auch wütend sein dürfen, die ambivalent sind und über ihre eigene Sexualität sprechen dürfen. Es geht darum „wie es sich anfühlt in einer patriarchalischen Gesellschaft weiblich sozialisiert zu sein“. Sie beschäftigt sich viel mit feministischer Theorie, weswegen das Thema Freundinnenschaft zentral für den Roman ist. Und das nicht nur zwischen Gwen und Charles, sondern auch mit Nicht-Menschen, wie einem Pony oder einer Bananenpalme. Gleichzeitig geht es auch ums Erwachsenwerden und, wie es im Buch heißt, „Selbsterfindung statt Selbstfindung“. 

Provinz ist nur da, wo man sie zulässt

Lisa Bellmann erzählt, dass sie die „zwischen/miete“ aus Freiburg mitgebracht hat. Mittlerweile gibt es Lesereihen unter dem Titel aber auch in anderen Städten wie Köln und Stuttgart. In Freiburg war Lisa oft als Gast dabei und wollte eine ähnliche Veranstaltung gern nach Konstanz holen. Denn hier gibt es wenige Veranstaltungsformate, die Literatur zugänglich machen und mit dem formellen Charakter klassischer Wasserglas-Lesungen brechen. Die „zwischen/miete“soll dabei Räume für jüngere, diversere Texte und die Begegnung unterschiedlicher Menschen miteinander schaffen. Eben dort, wo die Leute sich ohnehin schon aufhalten – in WGs zum Beispiel. Explizit sind nicht nur Studierende, sondern auch Konstanzer:innen angesprochen, die mit der Uni sonst wenig zu tun haben. Mit dieser Mission ist die zwischen/miete nicht allein. Inzwischen gibt es über 40 Lesereihen, die sich dem Unabhängige Lesereihen e.V. angeschlossen haben. Der Schwerpunkt liegt dabei in Berlin, wo die Strukturen für Literaturförderung deutlich besser aussehen und Konstanz wie so oft abgeschlagen ist. Daran, dass sich das ändert und neue Kulturräume eröffnet werden, will die „zwischen/miete“ mitarbeiten. 

Im Gegensatz zu Großstädten gibt es aber auch kein Literaturhaus, das die Lesereihe finanziell unterstützen kann. Möglich wurde diese deshalb nur durch Förderung des Kulturamts, der Stuve und des Studierendenwerks Seezeit. Zumindest das Kulturamt hat eine zukünftige Förderung bereits zugesagt. Denn die erste Lesung ist schon ein voller Erfolg. Innerhalb weniger Tage waren die Tickets in der Buchhandlung Schwarze Geiß ausverkauft, die Nachfrage scheint groß. Für spätere Lesungen sollen sich auch WGs als Gastgeber:innen bewerben können. Wie sind sie überhaupt auf Lisas Roman gekommen? Für die Auswahl wurden Literaturzeitschriften und Anthologien gewälzt und auf einer dieser „Schmökersitzungen“ hat das „zwischen/miete“-Team dann Lisa entdeckt. 

Auch von der Terrasse der WG aus lauschen die Besucher:innen der Lesung. Foto: Kim Ankermann

Autorin zum Anfassen

Unterdessen hat sich der Raum gefüllt und die Lesung soll beginnen. Auch der Balkon ist vollbesetzt und alle knabbern Nüsse oder Gummibärchen aus Marmeladengläsern. Es gibt eine kleine Verzögerung, weil der Lautsprecher nicht funktioniert. Mein Sitznachbar murmelt: „Nur Geisteswissenschaftler und keiner hat Ahnung von Technik“. Es wird angewiesen, dass alle unterdessen noch ein Bier trinken. Das ist Dank Förderung sogar im Ticketpreis inbegriffen. 

Dann werden einige Textstellen vorgelesen, es ist ein unterhaltsames und gleichzeitig sprachlich kunstvolles Buch. Es wird zum Beispiel mit synästhetischen Erfahrungen der Protagonistin gespielt und das Glück, das sie sucht, ist golden. „Kein Zufall, dass Pommes die gleiche Farbe haben“, sagt mein Sitznachbar. 

Mich begeistert die Nahbarkeit, die durch das Konzept der „zwischen/miete“ entsteht. Nicht nur bei unserem kurzen Interview, sondern auch nach der Lesung sitzt Lisa Krusche mit den Gästen am Tisch und man kann ins Gespräch kommen. Wir sprechen dann noch über den Bachmannpreis, warum Bewusstsein für Feminismus uns Twilight kaputt gemacht hat und ob es sich lohnt kreatives Schreiben zu studieren. Später stellt uns jemand die übrigen Gläser mit Snacks auf den Tisch. Ich schütte mir ein paar Dinosaurier-Gummibärchen für den Heimweg in die Hand und freue mich schon auf die nächste „zwischen/miete“

Weitere Informationen zur Lesereihe und der Autorin selbst findet ihr hier:

www.lesereihen.org

Instagram: @zwischenmiete.konstanz und @lisa.krusche 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Ähnliche Posts
Fassade Buchhandlung
Lesen

„Ich bin mein ganzes Leben lang gewandert“: Eine ganz besondere Buchhandlung und ihre Besitzerin im Portrait

Das blau-weiße Haus in der Münzgasse 10 ist eines, wie es in Konstanz so viele gibt. Es fügt sich mit seiner schrägen Fassade in den krummen Verlauf der schmalen Straße ein. Die dicken Wände lassen auf ein hohes Alter und die mittelalterliche Vergangenheit schließen. Für die Konstanzer Altstadt ein Haus wie jedes andere. Der Laden, den es beherbergt, ist dafür ziemlich einzigartig: Seit 23 Jahren führt Hille Cook hier die einzige englischsprachige Buchhandlung in ganz Baden-Württemberg.
Streit Mann und Frau
Lesen

Der gefährlichste Moment im Leben einer Frau

„Wenn ich nach der Trennung von meinem Ehemann Bekannte traf und sie sich nach mir erkundigten, wie es mir ginge, lautete meine Antwort meist: sehr schlecht, weil mein Mann mir ein Messer an den Hals gehalten und mich fast getötet hat. Anders hätte ich es nicht ausdrücken können.