Ein bisschen neue Raumkultur für Konstanz: Der Kulturkiosk Schranke

Seit Herbst 2021 hat der alte Döner-Kiosk „Classic“ am Bahnübergang Petershausen einen neuen Besitzer. Dem ehemaligen Imbiss ist dem „Kulturkiosk Schranke“ gewichen. Moritz Schneider hat mit dem Kulturkiosk einen neuen Ort der Begegnung in Konstanz geschaffen. Chefredakteurin Livia Hofmann hat ihn getroffen.

Oktober 2021 am Bahnübergang Petershausen. Direkt vor der Schranke in der Moltkestraße, Ecke Jahnstraße steht ein kleiner, etwas heruntergekommener Kiosk. Die Fenster sind verhangen, daneben kleben zwei etwas größere Plakate. Auf dem einen steht in Großbuchstaben: „WAS KANNST DU DIR HIER VORSTELLEN? SCHREIB UNS“ und auf dem anderen: „Welche Ideen hast du für diesen Ort?“ Darunter kleben ganz viele kleine gelbe, blaue und grüne Notizzettel. „Kaffee und Kuchen“ steht auf einem, „Open Jam“ auf einem anderen. Auf einem weiteren mit einer Luke verschlossenem Fenster kleben weiße, schwarze und gelbe DIN A5-Blätter: „Kulturkiosk Schranke“ und „Komm zum Kulturkiosk Schranke ab 28.11.“ 

Fünf Monate später ist dem gelben Anstrich mit den braunen Fenstern ein helles Rosa mit türkisen Fensterluken gewichen. Davor stehen neu gepflanzte, kleine Bäumchen zu Stehtischen umfunktioniert. Vor der Verkaufstheke steht links ein Zeitschriftenständer, rechts eine Tafel mit den Getränkeangeboten. Dort treffe ich Moritz Schneider, 27 Jahre alt, mit einer großen weißen Teetasse in der Hand. Er ist der Inhaber des neuen „Kulturkiosk Schranke“. Neben seinem jetzigen Beruf als Geschäftsführer und Koordinator studiert er Ethnologie und Soziologie an der Universität Konstanz und macht nebenbei auch noch eine Ausbildung zur themenzentrierten Interaktion (TZI) – kurz: Zum Gruppenleiter. Außerdem ist er in Projekte der „FoodCoop Konstanz“ involviert und in einem neuen Projekt für Lokaljournalismus hier in Konstanz: Das Karla-Magazin, mit dem es im Mai ins Crowdfunding geht. Man merkt: Moritz hat schon viel in seinen jungen Jahren gemacht, „parallel“, wie er sagt. Er meint, das würde ihn auch auszeichnen und seinen Lebensinhalt ausmachen. 

Moritz Schneider, Inhaber des Kulturkiosks Schranke. Foto: Giorgio Krank

Ein Raum mit vielen Möglichkeiten

Die Idee mit dem Kulturkiosk ist ihm gekommen, als er in die Jägerkaserne gezogen und oft an dem Kiosk vorbeigelaufen ist. Neben diesem Ort seien ihm in ganz Konstanz Brachflächen aufgefallen. „Das war früher nicht so“, sagt er. Durch sein früheres Geografie-Studium habe er sich immer mehr für Raum und Stadtentwicklung interessiert. Wer gestaltet Raum? Wer hat Zugang zu Raum? Und wie wird öffentlicher Raum gestaltet? Gerade was nachhaltige Entwicklung und soziale Nachhaltigkeit angeht, sieht er gesellschaftlich viele Herausforderungen: „Ich habe Lust, mit Leuten zusammen zu gestalten“, erklärt er. Daher habe er sich mit einem Freund ausgetauscht, dass man an dieser Stelle doch was machen kann. Es sei dabei nicht die Idee zuerst im Raum gestanden: „Der Ort ist mir als Möglichkeit so ein bisschen vor die Füße gefallen“, meint Moritz. 

Rückblick: Im Februar 2021 laufen Moritz und sein Freund das erste Mal am Kiosk vorbei. „Damals dachten wir noch gar nicht daran, den zu kaufen“, erzählt er. Beim zweiten Mal stellten sie ihre Idee den Besitzer:innen des Kiosks vor. Da hieß es allerdings schon: Verkauft. „Ich dachte mir: Verdammt! Wir haben die Möglichkeit verpasst, hier was zu machen.“ Doch nach ein paar Monaten waren die Besitzer:innen immer noch drin – die Stadt hatte die Käufer:innen abgelehnt. Im Frühsommer reifte langsam der Entschluss den Kiosk zu kaufen, doch vor den Verhandlungen sei sein Geschäftspartner „kurz vor knapp“ abgesprungen. „Ich nehme ihm das aber bis heute nicht übel, ich konnte das absolut nachvollziehen“, versichert Moritz. Der Kaufpreis des Kiosks lag bei 60.000 Euro. „Ich stand alleine da, eine Menge Leute haben zu mir gesagt: ‚Mach das nicht‘“, erzählt er. Auf der einen Seite dachte er sich „Was für ne Chance – einmal so einen Ort in der Hand zu haben!“ Es gehe ihm vor allem darum, etwas zu initiieren, einen Raum zu öffnen für Menschen, sich zu beteiligen und zu gestalten und dann würde daraus etwas passieren. Auf der anderen Seite: „Oh Mann Moritz, was lachst du dir da an? Du hast so schon genug zu tun.“ 

Die Entscheidung fällt durch einen Dartwurf

Die Entscheidung für den Kiosk war dann schlussendlich eine Bauchentscheidung oder ein „Glücksdart-Pfeilwurf“, wie er ihn nennt. Er nimmt sich vor, einen „Tripple Twenties“ (60 Punkte) zu werfen für die 60.000 Euro Kaufpreis. Er wirft. Und trifft. „Das war das Zeichen, also dachte ich mir: Let’s do it!“, grinst er. 15.000 Euro investiert er selbst, 20.000 bekommt er als vorgeschossenes Erbe seiner Mutter und 30.000 leiht er sich bei einem Freund als Privatdarlehen mit der Abmachung, das Geld in den nächsten drei Jahren abzubezahlen. Am liebsten hätte er das Ganze mit mehreren Freunden geteilt. Zum Zeitpunkt der Entscheidung waren die Leute aber nicht da – darauf wollte er nicht warten. „Irgendwann wird man schon auf einen grünen Zweig kommen und den Kiosk vergemeinschaftlichen.“ 

Dann geht alles recht schnell. Ende September unterschreibt Moritz den Vertrag, Mitte Oktober wird umgebaut. Anfang Dezember wird eröffnet. Durch ein breites Netzwerk an Unterstützer:innen und Freund:innen schafft er das auch. „Ich habe ganz schnell gemerkt: Wenn man Menschen die Möglichkeit gibt, mitzuentscheiden und etwas zu gestalten, dann haben die auch Bock, da ist dann auch viel Engagement da“, sagt er. Er sei in vielen Dingen kein Experte, aber was er gut hinbekommen habe war, Menschen zu motivieren, mitzumachen und ihnen die Möglichkeit zu geben, mitzugestalten. 

Das ehemalige „Schränkle“ als Begegnungsort

Der Name des Kulturkiosks sei dabei relativ früh entstanden, sein früherer Geschäftspartner habe den Namen einfach „gedroppt“. „Das hat sich einfach stimmig angefühlt.“ Es sei kein besonders ausgefallener Name, nicht wirklich kompliziert, unterschwellig und beinhalte gleichzeitig den Begriff Kultur, der sehr unterschiedlich verwendet wird. „Wir verstehen uns nicht als Hochkultur“, sagt Moritz, „wir kreieren eine Kultur, wir gestalten Kultur und wir wollen, dass sich die Menschen auch als Kulturschaffende verstehen.“ Räume gestalten, das soziale Miteinander – so würden wir alle auch Kultur gestalten. Der „Kiosk“ impliziere eine offene Verkaufsstelle, unter dem man alles mögliche verstehen kann und „Schranke“, da der Kiosk früher mal „Schränkle“ hieß und das bei vielen Leuten noch ein Begriff sei – und sich natürlich in unmittelbarer Nähe zum Bahnübergang befindet. Ihn persönlich verbindet weniger mit dem Namen als dem Ort: Ein Begegnungsort, ein buntes Treiben: „Wir schaffen hier selbst eine Kultur, wir nehmen etwas in die Hand und entwickeln oder entwerfen etwas, und das ist dann eine Kultur“, sagt er. 

Neben Standard-Kioskwaren wie Getränken, Tabakwaren und Snacks bietet der Kulturkiosk auch einen Mittagstisch von Dienstag bis Samstag an, sowie Süßigkeiten für Kids, Kuchen und Sandwiches. Es sei ihnen wichtig, erklärt Moritz, dass:

 „Wenn man zum Kulturkiosk kommt, man weiß, man bekommt immer etwas zu essen.“

Daneben bieten sie nun auch vermehrt Workshops, kleine Veranstaltungen und andere Aktionen an. Donnerstags gibt es immer eine Jam-Session, der Garten hinter dem Kiosk wird hergerichtet für Workshops, auf die die Menschen Lust haben, ob Basteln, gemeinsam Handwerken, sich einfach auszutauschen, für Lesungen oder mal ein Konzert. Auch Hochbeete, ein Kinderzirkus und Tanzgruppen, eine kleine Bühne, die zu einer langen Tafel umgebaut werden kann, eine Spielecke für Kinder und eine Feuerstelle sind in Planung. Außerdem soll das Beet neben den Bahngleisen mit Kräutern bepflanzt werden, die sie selbst verwerten können, zwischen den Stehtischen neu gekiest und neue Bänke organisiert werden. „Es wird auf jeden Fall in nächster Zeit noch viel passieren“, erklärt Moritz. Dabei müsse natürlich alles im rechtlichen Rahmen sein, was manchmal ganz schön schwierig sei, herauszufinden. Jeden Samstag um 14 Uhr gebe es daher einen offenen Treff, bei dem aktuelle Themen besprochen werden. „Jeder, der Lust hat dazuzukommen, ist herzlich eingeladen!“, betont er. 

Von Dienstag bis Samstag gibt es einen wechselnden Mittagstisch. Foto: Giorgio Krank

Ein buntes Publikum, aber noch nicht so bunt, wie es sein könnte

Und wie kommt der neue Kulturkiosk bisher an? „Unser Ziel ist es, ein buntes Publikum anzusprechen und die ganze Nachbarschaft mit einzubeziehen“, sagt Moritz. Teilweise würde das schon klappen, denn es würden Kinder, Studierende und ältere Leute sowie Nachbarn dazukommen – die sonst vielleicht eher nicht zusammensitzen würden – und Leute, die bereits vom Projekt gehört haben. „Neulich war eine junge Frau hier bei der Jam-Session“, erzählt Moritz, „Die meinte, sie war an dem Abend einfach superschlecht drauf und beim Vorbeigehen habe sie die Musik gehört und das habe ihr den Abend gerettet, sich mit den Leuten hier auszutauschen.“ Eine Begegnung finde daher statt, dennoch überwiege ein tendenziell junges Publikum mit jungen Familien und Studis und jungen Erwachsenen. „Es ist schon bunt, aber noch nicht so bunt, wie es sein könnte“, meint Moritz, „Für den Anfang aber sicher nicht schlecht.“

Vor einer Woche habe es auch einen ersten Konflikt mit Nachbarn gegeben, die sich über die laute Musik beschwert hatten – ein Vorbote für mögliche Konflikte? „Da müssen wir einfach schauen, dass wir mit denen in einer guten Kommunikation sind und sie nicht vor den Kopf stoßen und trotzdem uns nicht komplett das Handwerk binden lassen“, sagt Moritz, „Weil auf der anderen Seite gibt es auch Leute, die sagen: ‚Hey, wie cool, dass es das gibt, so was fehlt in Konstanz, das ist so wertvoll‘, und das macht dann natürlich Mut.“

Mit dem Kulturkiosk hat Moritz sehr viel vor, unter anderem sollen Beete zum Bahngleis angepflanzt, der Garten umgebaut und der Vorplatz noch einladender gestaltet werden. Foto: Giorgio Krank

Gemeinschaften schaffen und etwas bewegen

Am besten sei es ihm und seinem Team aus insgesamt zwanzig Leuten bisher gelungen, Menschen zu motivieren und sie in das Projekt miteinzubinden. „Viel Women- und Manpower zu integrieren“, grinst er. Aber sie müssten auch noch viel lernen, zum Beispiel bei der Professionalität in der Gastronomie, aber auch bei der Unternehmensführung, wie Finanzen und Logistik. „Da können wir uns definitiv noch ein ganzes Stück weiterentwickeln“, räumt er ein. Dennoch ist er sehr stolz auf sein Projekt „Kulturkiosk Schranke“. „Ich hoffe, dass das Projekt Menschen Mut macht, selbst etwas in die Hand zu nehmen und zu gestalten und irgendwie was zu bewegen“, sagt Moritz. Er bekräftigt, dass in den letzten Jahren viel geredet worden sei, viel theoretisches Zeug zu Stadtentwicklung, nachhaltige Entwicklung und Transformationsprozessen. Aber es habe wenige Momente gegeben, wo das wirklich auch umgesetzt worden sei und das sei für uns gesellschaftlich eine große Herausforderung. „Lasst uns zusammenraufen, Gemeinschaften schaffen und was auf die Beine stellen! Gestalten und so.“

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